Mehr Republik wagen: Wie Deutschland wieder handlungsfähig wird

Shownotes

Wie können ein funktionierender Staat, echte Beteiligung und ein gemeinsames Gefühl von Zugehörigkeit das Vertrauen in die Demokratie stärken?

Zitat der Folge

„Das Einzige, was zählt, ist die Zukunft, die ihr selbst gestalten könnt. […] Lasst uns auf die Zukunft setzen. Das Land hat das Potenzial, wir haben die Menschen, und wir haben auch die Gegner. Aber das macht die Sache so spannend.“

Joschka Fischer, ehemaliger Bundesaußenminister

Episodenbeschreibung

Deutschland gilt vielen als bürokratisch, gespalten und blockiert. Gleichzeitig engagieren sich Millionen Menschen, und eine große Mehrheit fühlt sich dem Land weiterhin verbunden. Wie kann daraus neues Vertrauen in die gemeinsame Handlungsfähigkeit entstehen?

Ausgehend von der Konferenz „Die neue Republik“ fragt diese Folge, was ein demokratisches Gemeinwesen heute zusammenhält. Es geht um das von der Politik kaum erreichte „unsichtbare Drittel“, um Zugehörigkeit und Patriotismus, aber auch um ganz konkrete Voraussetzungen für Vertrauen: funktionierende Institutionen, soziale Sicherheit und echte Möglichkeiten, mitzuentscheiden. An Beispielen aus Deutschland und Minneapolis zeigt die Folge, warum eine Republik nur dann lebendig bleibt, wenn Menschen Verantwortung übernehmen können und erleben, dass ihr Handeln tatsächlich etwas verändert.

Kapitel mit Zeitmarkierungen

• (00:00:00) – Handlungsblockade und Zuversicht: Was „Die neue Republik“ verhandelt

• (00:02:07) – Mehr als Wahlen: Republik, Beteiligung und Verantwortung

• (00:04:09) – Das „unsichtbare Drittel“: Engagement, Rückzug und fehlende Repräsentation

• (00:06:33) – Verbundenheit und Zugehörigkeit: Wer gehört zum gemeinsamen „Wir“?

• (00:12:31) – Ein Land, das funktioniert: Infrastruktur, Sozialstaat und Vertrauen

• (00:13:55) – Lehren aus Minneapolis: Demokratie beginnt in der Nachbarschaft

• (00:16:12) – Freiheit braucht Grundlagen: Wohnen, Arbeit und Sicherheit

• (00:18:29) – Republik als europäische Aufgabe: Verantwortung und politische Führung

• (00:20:07) – Vertrauen durch Erfolge: Wie politische Handlungsfähigkeit entsteht

• (00:21:46) – Raus aus der politischen Blase: Das „unsichtbare Drittel“ erreichen

• (00:22:31) – Die Zukunft gestalten: Fischers Appell an die jüngere Generation

Unsere Expert*innen

Jan Philipp Albrecht

• Co-Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Katarina Peranić

• Geschäftsführerin von More in Common Deutschland

Jérémie Gagné

• Leiter der Forschung bei More in Common Deutschland

Joschka Fischer

• ehemaliger Bundesaußenminister

Jacob Frey

• Bürgermeister von Minneapolis und ehemaliger Bürgerrechtsanwalt

Franziska Brantner

• Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen

Roman Schmidt

• Leiter der Programmlinie Demokratie und Gesellschaft, Heinrich-Böll-Stiftung

Reporter der Folge: Viktor Coco

Autor der Folge: Kevin Caners

Host: Jule Eikmann

Produktion: Audiokollektiv

Weiterführende Artikel und Quellen

• Panels und Reden der Konferenz „Die neue Republik 2026“ ansehen [🔗 https://www.youtube.com/watch?v=EaFykh5aM7Q&list=PLXLxngPWXbe4

• Analyse: „Mehr Republik wagen!“ von Dr. Roman Léandre Schmidt [🔗 https://www.boell.de/de/2026/05/20/mehr-republik-wagen

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Transkript anzeigen

00:00:01: Wir haben Menschen gefragt, mit welchen Attiktiven würden sie im Moment Deutschland am ehesten beschreiben?

00:00:06: Und es ragen wirklich zwei Antworten heraus bürokratisch und gespalten.

00:00:11: bei des letzten Endes Attribute der Handlungsblockade.

00:00:15: Mir geht dieses Krankreden einfach auf den Senkel um was immer ganz ehrlich zu sagen.

00:00:21: Ich kann das nicht mehr hören!

00:00:24: Zwei ziemlich unterschiedliche Diagnosen des selben Landes.

00:00:28: Auf der einen Seite erleben viele Menschen Deutschland als bürokratisch gespalten und blockiert, als ein Land in dem Entscheidungen zu lange dauern die Infrastruktur bröckelt und der Glaube verloren geht das sich größere Probleme überhaupt noch lösen lassen.

00:00:44: auf der anderen Seite sagt er ehemalige grüne Außenminister Joschka Fischer hört auf dieses land krank zu reden.

00:00:51: Die probleme sind real Aber die Möglichkeiten, sie zu lösen – die sind es auch.

00:00:56: Zwischen diesen beiden Polen fand im Juni-Zweitausendsechsundzwanzig in Berlin die Konferenz Die Neue Republik der Heinrich-Böllstiftung statt.

00:01:04: Sie fragte nicht nur wie sich die liberale Demokratie gegen ihre Feinde verteidigen kann sondern auch was für ein Land wollen wir in einigen Jahren sein?

00:01:14: Wer gehört zu diesem Wir?

00:01:16: Was muss eine Republik ihren Bürgerinnen

00:01:19: bieten

00:01:20: und welche Verantwortung tragen die Bürgerinnen selbst?

00:01:24: Dahinter steckt noch eine grundlegendere Frage.

00:01:27: Trauen wir uns als Gesellschaft überhaupt zu, unsere Zukunft gemeinsam zu gestalten!

00:01:34: Darum geht es in dieser Folge – ich bin Jule Eichmann, herzlich willkommen beim Böl Podcast Bei mir.

00:01:50: im Studio ist heute Reporter Viktor Koko.

00:01:52: Hallo, Victor!

00:01:53: –

00:01:53: Hallo Jule!

00:01:54: Die Konferenz hieß ganz bewusst die neue Republik und nicht einfach zum Beispiel die Zukunft der Demokratie.

00:02:01: Was ist der Unterschied?

00:02:02: Ja mit Demokratie verbinden wir schnell Wahlen, Parlamente, Regierungen und Parteien.

00:02:08: Der Begriff Republik soll den Blick weiter öffnen.

00:02:11: Er stellt auch die Frage was Bürgerinnen selbst miteinander tun.

00:02:14: Jan Philipp Albrecht, Co-Vorstand der Heinrich Böll Stiftung hat zu Beginn der Konferenz erklärt was die Stiftungen damit meint.

00:02:22: Wir reden viel über Demokratie und häufig wissen wir gar nicht mehr so richtig, worüber reden wir da jetzt eigentlich.

00:02:27: Reden wir über die demokratischen Institutionen und die Parlamente oder reden wir auch über die Frage von demokratischer Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern?

00:02:35: Oder reden wir – und dahin weitet eben vielleicht der Republikbegriff ein bisschen mehr aus – reden wir darüber, was wir als Bürgerinnen- und Bürger so abseits von demokratischen Prozessen gemeinsam tun in der Nachbarschaft uns organisieren als Gesellschaft aushandeln an irgendwelchen Orten, wo wir uns begegnen.

00:02:55: Was unsere Werte sind und was unser Zusammenleben angeht, dass es nicht nur eine Demokratie ist die irgendwie fern von einem stattfindet sondern

00:03:03: die Teil

00:03:04: von uns oder wir sind Teil dessen und die auch nur funktioniert in ihrem Grundverständnis auf der Basis von Bürgerinnen und Bürgern die sich als Träger dieser Demokratie der Republik verstehen

00:03:15: also nicht nur was macht die Politik für uns sondern auch was machen wir miteinander?

00:03:21: Ja, aber das setzt voraus dass Menschen überhaupt noch das Gefühl haben gemeinsam etwas bewirken zu können.

00:03:26: Und genau dazu gab es auf der Konferenz einige interessante Forschungsergebnisse manche ziemlich ernüchternd andere überraschend ermutigend.

00:03:34: Vorgestellt wurden sie von Katharina Piranich und Jeremy Gagnier von der Organisation More in Common.

00:03:41: Sie untersuchen was die Gesellschaft auseinanderzieht und was sie trotz allem noch verbindet.

00:03:46: Du hast gesagt ernüchternt?

00:03:48: Aber ja auch irgendwie ermutigend.

00:03:49: Dann fangen wir mal mit der guten Nachricht an, würde ich sagen?

00:03:52: Ja gerne!

00:03:53: Es gibt eine Zahl die in den üblichen Krisendiagnosen leicht untergeht.

00:03:56: Rund sieben-zwanzig-kommasieben Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland im gemeinnützigen Organisationen und Initiativen.

00:04:04: Sieben und zwanzig Komma sieben Millionen – das ist tatsächlich beeindruckend.

00:04:08: Und das heißt ja auch, tatsächlich IST ein großer Teil der Gesellschaft engagiert für die Gesellschaft aktiv.

00:04:15: Wo liegt neune

00:04:16: Haken?!

00:04:17: Ja, viele Menschen engagieren sich.

00:04:19: Aber längst nicht alle fühlen sich einbezogen oder erleben dass ihre Stimme etwas bewirkt.

00:04:24: Moran Common teilt die Bevölkerung anhand ihrer Einstellungen in verschiedene gesellschaftliche Gruppen ein.

00:04:29: Zwei davon – die Pragmatischen und Enttäuschten bilden gemeinsam das was die Forschenden das unsichtbare Drittel nennen.

00:04:37: Katharina Perranic ist die Geschäftsführerin von Moran common in Deutschland.

00:04:41: Und dann haben wir das unsichtbare Drittel, dass aus den Pragmatischen und den Enttäuschten entsteht.

00:04:47: Das ist die Gruppe auf die auch ein ganz starkes Augenmerk legen.

00:04:50: Es sind nämlich Menschen, die sich politisch nicht so stark repräsentiert fühlen.

00:04:54: Das sind auch diejenigen wo die meisten Nichtwählerinnen und Wähler zu finden sind oder auch Unentschlossene.

00:04:59: Und das sind auch Diejenigen, die stärker im Nahbereich orientieren und die sich eigentlich mehr Einbindung wünschen.

00:05:07: Ein Drittel ist ja alles Anderes wenig.

00:05:09: Warum bleibt es dann unsichtbar?

00:05:11: Ja, weil diese Menschen in den lauten politischen Debatten kaum vorkommen und sich häufig selbst daraus zurückziehen.

00:05:17: Jeremy Garnier leitet die Forschung von Maureen Common.

00:05:25: Also die, die wenig Lust haben auf Debatten.

00:05:26: Die sagen ne also heutzutage gehe ich da schon gar nicht mehr rein.

00:05:29: das ist mir alles viel zu scharf der wird scharf geschossen Da bleibe ich eher still und es führt dazu dass man sowieso nur noch die lauten hört weil die anderen schweigen.

00:05:38: Das ist ein Riesenproblem.

00:05:40: Und wissen Sie das führt im Grunde dazu Dass viele Menschen sich mental zurückziehen dass sie sagen Ich habe kein Vertrauen im Moment in unsere kollektive Handlungsfähigkeit Und ich kann eigentlich auch nur noch meinen persönlichen Umfeld vertrauen, mein Nachbarn meiner Familie den Menschen die ich kenne.

00:05:55: Das Vertrauen ist also nicht verschwunden aber es reicht oft nur noch bis zur Familie oder eben zu Freundinnen in die eigene Nachbarschaft.

00:06:03: dem Land als Ganzen trauen viele aber weniger zu

00:06:06: Genau.

00:06:07: und trotzdem haben sie sich von Deutschland nicht grundsätzlich abgewendet.

00:06:10: Im Gegenteil einer überraschend große Mehrheit blickt weiterhin positiv auf das land.

00:06:15: Über achtzig Prozent mögen dieses Land.

00:06:17: Das gilt übrigens für Menschen mit und ohne Einwanderungshintergrund, da ist ein belastbares Verhältnis bei den meisten.

00:06:24: Wenn sie dann nach konkreten Emotionen zu Deutschland fragen Dann verfallen zwei Dinge auf.

00:06:29: Zum ersten Ganz hinten landen extreme Emotion wie Liebe und Verachtung das sagt fast niemand.

00:06:36: Und vorne sind wohltemperierte positive Emotion Zufriedenheit Verbundenheit Dankbarkeit Und diese Verbundenheit ist im Grunde die deutsche Schifre für Nationalgefühl.

00:06:49: Übrigens, gerade im progressiven Spektrum viele Rot- und Grünwähler sagen überdurchschnittlich fühle mich Deutschland verbunden – das ist ihre Währung für Deutschland!

00:06:57: Nicht Liebe nicht Stolz Verbundenheit.

00:07:00: Damit kann man arbeiten.

00:07:02: Wohltemperierte positive Emotionen klingt tatsächlich ziemlich deutsch aber ohne ein Gefühl von Verbundenkeit wird es wohl schwer sich einzumischen und Verantwortung für das eigene Land auch zu übernehmen?

00:07:14: Ja, und genau diese Frage welches Gefühl man zu Deutschland haben kann hat Joschka Fischer aufgegriffen.

00:07:20: Der frühere Außenminister war von hat

00:07:44: mein ganzes Leben hier verbracht.

00:07:48: Die Alternative wäre ja, dass ich wenn ich keine positive Beziehung zu meinem Land hätte in Selbsthass zerfließen müsste und dazu tauge ich nicht.

00:07:59: Insofern dieses Land ist mein Land.

00:08:05: Na, das ist wohl schon mehr als wohl temperierte Verbundenheit.

00:08:09: Ja und Fischer macht daraus auch einen politischen Begriff.

00:08:11: für ihn braucht ein demokratisches Gemeinwesen nicht nur Institutionen sondern auch ein Gefühl dass Menschen zusammenführt

00:08:18: der links sein muss mittig oder rechts

00:08:22: aber patriotismus

00:08:23: aber patriotismus ohne dem geht es nicht.

00:08:27: Und patriotismus als ein gefühl das zusammen führt da hat habe ich völlig recht.

00:08:34: Und wenn sich die Entwicklung der Grünen Partei anschauen, gestatten Sie mir diese Bemerkung.

00:08:40: Die Grünen sind sehr patriotisch geworden.

00:08:43: Sind heute die Partei, die stärksten den Freiheitskampf der Ukraine unterstützt?

00:08:54: Verbundenheit kann ein Gefühl von Verantwortung schaffen und davon an einer gemeinsamen Sache mitzuwirken.

00:09:01: Aber gerade Deutschland weiß ja auch, wie schnell dann aus Patriotismus Abgrenzung und Nationalismus werden können.

00:09:08: Wer gehört denn also zu diesem Wir dazu?

00:09:12: Ja das ist eine schwierige und oft auch polarisierende Frage.

00:09:15: aber die Forschung von Moran Common zeigt zunächst etwas ermutigendes.

00:09:19: für die meisten Menschen hängt Zugehörigkeit heute deutlich weniger von Abstammung ab als früher.

00:09:24: Für ein Land das sehr lange geprägt war vom Abstammungsprinzip Sagen heute nur noch relativ wenige Menschen, um bei uns dazuzugehören muss man in Deutschland geboren sein oder sogar deutsche Vorfahren haben.

00:09:37: Wichtig sind erwerbare Kriterien das achten von Gesetzen, dass arbeiten in Deutschland, dass er lernen an der Sprache und so weiter.

00:09:43: Das heißt für neuen republikanischen Zugehörigkeitsbegriff

00:09:47: gibt es

00:09:48: trotz des Erstarkens des Rechtsextremismus mehrheitliche Fundamente in diesem Land.

00:09:53: Das sah gerade sehr einfach aus.

00:09:55: natürlich ist es nicht einfach.

00:09:57: In unseren Fokusgruppen wenden sich Menschen mit Einwanderungsgeschichte an uns und sagen, teilweise haben sie immer noch nicht das Gefühl dazu zu gehören.

00:10:04: Sie werden immer wieder eins zurückgesetzt wie das Zitat ihnen und euch hier sehr eindrücklich zeigt.

00:10:10: Immer noch wird der Spiegel vorgehalten so ganz gehörst du noch nicht dazu?

00:10:14: Und wir sehen es auch in unserer Messung dass Menschen mit ein Warnungsgeschicht häufiger sagen ich gehöre nicht richtig dazuw.

00:10:21: Die Definition ist offener geworden.

00:10:23: Im Alltag bleibt Zugehörigkeit trotzdem umkämpft und gerade darin zeigt sich ja auch, Identität und Zugehöhrigkeit sind eben keine Nebenthemen.

00:10:31: Sie gehören zum Kern einer demokratischen Republik

00:10:34: dazu.".

00:10:35: Ja!

00:10:36: Und für Fischer folgt daraus die Demokratische Mitte darf das Thema Identität nicht den Recht extremen überlassen.

00:10:42: Gerade weil Zugehörigkeit politisch so wirkmächtig ist muss sie selbst sagen welches Deutschland sie verteidigen will und worauf dieses gemeinsame Wir gründet.

00:10:52: Welches Deutschland wollen wir?

00:10:54: Welches deutschland will europa?

00:10:57: die deutsche frage war nie nur eine nationale frage.

00:11:00: sie war von anfang an seit achtzehntat einen siebzig einer europäische.

00:11:05: es entstand mit der deutschen einheit eine großmacht in der mitteuropas die bindungslos war.

00:11:11: das war unser großes problem und wir haben eine jetzt positive geschichte.

00:11:18: die bundesrepublikanische demokratie ist es wert, als gemeinsamen Teil verteidigt zu werden.

00:11:26: Genauso die Friedliche Revolution in der DDR und die Europäisierung, die unser Land maßgeblich mitbetrieben hat, ist eine der ganz großen historischen Erfolge, die Deutschland jemals erzielt hat.

00:11:44: Wenn wir das alles infrage stellen lassen durch die AfD dran geben, dann kann man uns vergessen.

00:11:52: Sein Patriotismus richtet sich also auf demokratische Errungenschaften?

00:11:57: Aber ist das auch das was die Menschen selbst mit Deutschland verbinden?

00:12:01: Zumindest teilweise.

00:12:02: Moran Common hat die Menschen gefragt was dieses Land in ihren Augen ausmacht.

00:12:06: Die Antworten verbinden große demokratische und soziale Ideale mit etwas sehr praktischem.

00:12:11: Deutschland soll funktionieren.

00:12:13: Dieses land in meinem kopf zumindest meine idee davon die Idee eines Landes, dass sehr leistungsstark ist.

00:12:20: Dass es sehr starke Strukturen hat.

00:12:22: Das sehr starcke Infrastruktur hat.

00:12:24: Wissen Sie?

00:12:24: Wir hatten Leute in unseren Fokusgruppen, die haben gesagt für mich definiert Deutschland gute Systeme.

00:12:30: Das war die erste Antwort.

00:12:32: Also dieses Leistungsversprechen ist unglaublich stark.

00:12:35: und das dritte ist demokratische soziale Errungenschaften.

00:12:39: Ein ausgleichendes demokratisches Gemeinwesen ein ausgreichender Sozialstaat In anderen Worten ein Land, das liefert und auf das man sich verlassen kann.

00:12:48: Dann ist marode Infrastruktur also nicht nur lästig sie beschädigt ein Versprechen dass dieses land funktioniert und dass Man Sich Auf Seine Institutionen auch Verlassen Kann.

00:12:58: Genau Und über diese Verbindung zwischen funktionierenden Institutionen und demokratischen Vertrauen hat ein besonderer Gast der Konferenz aus kommunaler Perspektive gesprochen.

00:13:07: Jacob Frey, seit den Bürgermeistern von Minneapolis und zuvor Bürgerrechtsanwalt wurde per Video zugeschaltet.

00:13:14: Er hat mit Franziska Brandner, der Bundesvorsitzenden vom Bündnis Neunzig die Grünen diskutiert.

00:13:20: Minneapolis hatte in den vergangen Jahren mehrere schwere Krisen erlebt Die Tötung von George Floyd durch ein Polizeibeamten und zuletzt einen massiven Einsatz der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE.

00:13:31: Der Moderator fragte Frey, was die Stadt daraus über Demokratie und die Rolle lokaler Gemeinschaften gelernt habe.

00:13:41: Gerade in Minneapolis haben wir einen langen Weg hinter uns.

00:13:44: Dieser Weg endete nicht mit der Tötungen George Floyd vor sechs Jahren – ich war damals ebenfalls Bürgermeister!

00:13:50: und er endete auch nicht mit dem Einsatz Operation Metro Search vor einigen Monaten.

00:13:55: Was wir in dieser Zeit gelernt haben, ist wie wichtig die Organisation auf der grundlegenden Ebene der Nachbarschaft ist – Mit den NachbarInnen verbunden zu sein, zu wissen wer sie sind und Kontakt zur lokalen Regierung zu haben damit Informationen in beide Richtungen fließen können.

00:14:11: Das hat uns erneut gezeigt Macht funktioniert nicht unbedingt von oben nach unten Und sie steigt auch nicht einfach nur von unten auf.

00:14:19: Am besten funktioniert sie, wenn man zusammenarbeitet.

00:14:22: Das haben wir in den vergangenen Jahren in Minneapolis gelernt.

00:14:26: Deshalb bin ich auch mit Blick auf die Zukunft optimistisch.

00:14:29: Unser Land und unsere Welt haben schon früher schwierige Zeiten erlebt.

00:14:33: Unsere Republik ist sehr widerstandsfähig Aber sie hängt davon ab dass Menschen aufstehen um Verantwortung übernehmen.

00:14:40: Und genau das ist immer wieder passiert.

00:14:44: Und hat Franziska Brandner dem zugestimmt?

00:14:47: Ja, in einem früheren Teil des Gesprächs hatte Frey die Verteidigung der Demokratie als Marathon bezeichnet.

00:14:53: Brandner hat dieses Bild direkt aufgegriffen und auch seinen Gedanken das eine Republik davon lebt dass Menschen Verantwortung übernehmen.

00:15:10: Kein Sprint.

00:15:11: Und wir müssen auf diesen Marathon vorbereitet sein, auch dass Freiheitsversprechen muss von jeder Generation neu belebt und weiterentwickelt werden – das ist unsere Aufgabe!

00:15:21: Aber wir Politikerinnen werden das niemals allein schaffen.

00:15:24: Wir müssen es wie du sagst gemeinsam mit denen tun die tatsächlich frei sein

00:15:28: wollen.".

00:15:32: Das ist ein großes Versprechen, aber Verantwortung zu übernehmen lässt sich leichter fordern als sie dann tatsächlich zu ermöglichen.

00:15:39: Ja genau!

00:15:40: Entscheidend ist also was Politik und Staat tun müssen damit Menschen überhaupt die Kraft und das Vertrauen haben sich einzubringen.

00:15:47: Später wurde Frey direkt auf soziale Ungerechtigkeit, marode Infrastruktur und die wachsende Enttäuschung über staatliche Leistungen angesprochen.

00:15:58: Ich glaube wenn man sich um die Grundlagen kümmert Wenn Menschen eine bezahlbare Wohnung haben, ihre Miete bezahlen können, einen guten Arbeitsplatz haben auf den sie stolz sind.

00:16:08: Wenn Sie sich sicher fühlen die Luft sauber ist und der Müll abgeholt wird dann können Sie erst einmal durchatmen.

00:16:15: Sie fühlen sich als Teil der Gemeinschaft und können anschließend über größere aber ebenso wichtige Fragen wie Demokratie nachdenken.

00:16:22: genau darauf müssen wir uns jetzt

00:16:23: konzentrieren.".

00:16:27: Das klingt fast banal

00:16:30: Ja vielleicht, aber es verschiebt die Freiheitsfrage.

00:16:32: Wer ständig fürchten muss, die Miete nicht bezahlen zu können oder an kaputten öffentlichen Strukturen scheitert ist zwar formal frei hat aber deutlich weniger Möglichkeiten das eigene Leben zu gestalten.

00:16:42: Freiheit braucht also Voraussetzung Sicherheit wirtschaftliche Stabilität und die reale Möglichkeit etwas aus dem eigenen Leben auch zu machen.

00:16:52: Ja, und genau hier wird die Spannung im Begriff der Bürgerpower sichtbar.

00:16:56: Menschen sollen Verantwortung übernehmen und selbst aktiv werden aber sie können nur auf einem Fundament handeln das der Staat bereitstellt.

00:17:03: Und wie sieht Beteiligung dann aus?

00:17:05: Die über einen bloßen Abhell hinausgeht?

00:17:08: Frey verwies auf Nachbarschaftsräte in Minneapolis die nicht nur mitreden sondern auch über eigene Mittel verfügen.

00:17:20: Etwas anderes, das wir in Minneapolis haben und was ich sehr wichtig finde ist viel organische Selbstorganisation auf lokaler Ebene.

00:17:28: Wir haben Nachbarschaftsvereine und Nachbarschafteriete.

00:17:31: Sie bekommen einen kleinen aber wichtigen Geldbetrag, mit dem sie ihr eigenes Viertel verbessern können.

00:17:36: Diese Möglichkeit schafft Verbundenheit dass wir im Moment dringender brauchen denn je.

00:17:48: Das ist jetzt mehr als der Aufruf sich zu engagieren, also die Menschen bekommen Geld und dann tatsächlich ein Entscheidungsspielraum.

00:17:55: Und Sie können sehen das was passiert?

00:17:58: Trotzdem einen Nachbarschaftsrat saniert keine Bahnstrecke löst keine bundesweite Wohnungsnot.

00:18:03: lokale Beteiligung ersetzt keine handlungsfähige Politik.

00:18:06: Ja und manche Probleme sind auch sogar für einen handlungsfähigen deutschen Staat einfach zu

00:18:10: groß!

00:18:11: Klimawandel, Digitalisierung, wirtschaftliche Abhängigkeiten und Sicherheit.

00:18:16: Es lässt sich nicht in einer einzelnen Kommune lösen und aus Fischers Sicht inzwischen auch nicht mehr in einem einzelnen europäischen Nationalstaat.

00:18:23: Er argumentiert dass die USA Europa über Jahrzehnte einen großen Teil der äußeren Sicherheit unter geopolitischen Verantwortung abgenommen haben und dieses Modell gehen nun zu Ende.

00:18:33: Amerika hat uns die Mühsal der Machtpolitik, der globalen Machtpolitik abgenommen.

00:18:41: Wir waren behütet, wir waren betreut.

00:18:45: Aber halt nicht selbstständig!

00:18:46: Und jetzt kommen wir wieder in die Situation, dass Amerika sich zurückzieht.

00:18:52: Faktisch sind wir Zeugen dieses Rückzugs und das hat die Konsequenz, dass wir allein sind.

00:19:01: Dass wir die Führungsfrage auch selbst beantworten müssen.

00:19:06: Es kann keine einzelnen Nation Europa führen.

00:19:10: Es kann immer nur eine gemeinsame Führung

00:19:14: geben.".

00:19:15: Die neue Republik wäre aus dieser Sicht also europäisch, aber je größer die politische Ebene desto schwerer ist es ja vermutlich auch Menschen ein echtes Gefühl von Einfluss und Beteiligung zu vermitteln.

00:19:27: in der eigenen Nachbarschaft ist das viel einfacher.

00:19:30: Ja vielleicht muss dieses Gefühl von Handlungsfähigkeit tatsächlich im Kleinen beginnen und sich von dort auf die nationale und schließlich auf die europäische Ebne übertragen.

00:19:39: Und damit sind wir wieder bei der Spannung vom Anfang.

00:19:41: Werden aus den realen Problemen politische Veränderungen oder immer nur neue Belege für den Niedergang?

00:19:47: Dazu noch einmal Joschka Fischer.

00:19:49: Wir haben massive Probleme, aber diese Probleme lassen sich alle lösen.

00:19:56: aus meiner Sicht weil das Potenzial zum Lösen dieser Probleme ist ebenfalls sehr groß und gut in diesem Land.

00:20:04: Mir geht dieses Krankreden einfach auf den Senkel, um was immer ganz ehrlich zu sagen.

00:20:10: Ich kann es nicht mehr

00:20:11: hören.".

00:20:13: Aber Zuversicht allein saniert natürlich auch keine Brücke?

00:20:16: Ja

00:20:16: genau!

00:20:17: Handlungsfähigkeit lässt sich nicht herbeireden.

00:20:20: sie muss sich in konkreten Ergebnissen zeigen.

00:20:22: aber ohne diese Zuversich zu wecken wird es doch gar nicht so solche Ergebnisse kommen.

00:20:26: Das funktioniert so ein bisschen wie ein Momentum in einem Fußballspiel.

00:20:29: Ein Erfolg verändert die Erwartung, aber der Erfolg stellt sich erst ein wenn die gemeinsame Anstrengung unternommen wird.

00:20:36: und plötzlich scheint dann auch der nächste Kuh möglich.

00:20:39: Wenn Menschen erleben dass eine politische Entscheidung tatsächlich etwas verbessert wächst auch ihr Vertrauen darin das das Gemeinwesen den nächsten Schritt schaffen kann.

00:20:47: Und hat die Konferenz selbst gezeigt wie dieses Vertrauen, dieses Momentum entstehen können?

00:20:54: Um ein fertiges Rezept kann es jetzt natürlich nicht gehen und bevor gemeinsame errungene Erfolge wieder Vertrauen schaffen können, müssen Menschen überhaupt die Chance haben an den Entscheidungen mitzuwirken.

00:21:05: Genau da wurde auch eine Grenze der Konferenz sichtbar.

00:21:08: Es war eine politische Veranstaltung in Berlin Mit Politikerinnen Forschenden JournalistInnen Und einem überwiegend politisch interessierten Publikum.

00:21:16: Roman Schmidt leitet bei der Heinrich-Böll Stiftung die Programmlinie Demokratie und Gesellschaft, hat das Projekt Die Neue Republik mitentwickelt.

00:21:24: Am Ende hat er diese Grenze selbst beschrieben.

00:21:27: Also ist es offensichtlich eine Herausforderung.

00:21:30: Wir diskutieren über uns, unter uns.

00:21:32: wir geben uns große Mühe das ein Stück weit zu ändern.

00:21:35: Seien wir ehrlich da sind wir noch lange nicht.

00:21:37: aber wir haben heute auch gehört.

00:21:39: der ganze politische Raum ist ja ein sehr beschränkter Raum.

00:21:42: Wir haben einen sehr akademisierten Bundestag.

00:21:45: Wir müssen gucken wie wir Wege darüber hinausfinden nochmal neu mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

00:21:52: auf jeden Fall dass einfach das was jetzt ansteht

00:21:55: Und damit wären wir dann wieder beim Unsichtbaren Drittel.

00:21:59: Ja, neu wäre diese Republik erst wenn nicht nur dieselben Menschen ein neues Wort für ihre bisherigen Debatten finden.

00:22:06: Wie das gelingt blieb offen?

00:22:07: Joschka Fischer hatte zum Schluss jedenfalls einen Rat für die jüngere Generation.

00:22:12: Erstens glaube ich im Leben gibt es kein Bestes.

00:22:18: Jede Zeit hat ihre Herausforderungen.

00:22:22: Jede Generation hat ihre Idioten, ihre Verbrecher, ihre Heiligen.

00:22:27: Ich glaube das macht statistisch kaum einen Unterschied.

00:22:31: Man nennt das das Leben und darauf muss man sich einstellen.

00:22:36: Das ist nicht einfach.

00:22:38: alles andere als es gibt nicht das Beste.

00:22:43: der Mensch neigt dazu die Vergangenheit leicht zu verklären.

00:22:48: nur ich will den jüngeren sagen vergesst es.

00:22:53: Das Einzige, was zählt ist die Zukunft, die ihr selbst gestalten könnt.

00:22:58: Die Erinnerung so schön sie sein mögen, ist eben nur Erinnerungen und insofern lass uns auf die Zukunft setzen.

00:23:08: das Land hat das Potenzial wir haben die Menschen und Wir haben auch die Gegner aber das macht die Sache so spannend.

00:23:19: Vielleicht ist genau das der Punkt Zukunftsvertrauen lässt sich eben nicht verordnen.

00:23:24: Es entsteht dort, wo Menschen erleben dass gemeinsames Handeln möglich ist und dass ihre Stimme auch tatsächlich etwas verändert.

00:23:31: Danke Victor, dass du uns heute durch diesen Konferenztag geführt hast.

00:23:35: sehr gerne Jule

00:23:37: Und das war's für heute.

00:23:38: Wenn ihr Lust auf mehr habt, hört gern auch in die zweite Folge zur Konferenz Die Neue Republik rein!

00:23:44: Dort geht es um die Dienstpflicht und die Frage ob ein Verpflichtendes Jahr mehr Zusammenhalt und Sicherheit schaffen kann oder vor allem neue Ungerechtigkeiten.

00:24:06: empfehlt uns natürlich

00:24:07: gerne weiter.

00:24:09: Dieser Podcast ist eine Produktion des Audio-Kollektivs, Autor der Folge war Kevin Canas.

00:24:16: Mein Name ist Jule Eichmann.

00:24:17: bis zum nächsten Mal bei Böl Podcast!

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