Der Griff der organisierten Kriminalität nach Lateinamerika und Europa - Strategien und Rolle der Zivilgesellschaft 

Shownotes

Wie kann transnationale Organisierte Kriminalität wirksam bekämpft werden – und welche Rolle spielen dabei Zivilgesellschaft, staatliche Institutionen und wir als Konsumgesellschaft?

Zitat der Folge

„Das Problem, das wir ansprechen müssen, ist also, dass wir uns beim Kampf gegen die Organisierte Kriminalität nicht auf staatliche Ermittlungsbehörden verlassen können.“

Prof. Carolina Grillo, Institut für Sozialwissenschaften und Methodologie der Sozialwissenschaften an der Universidade Federal Fluminense in Rio de Janeiro.

Episodenbeschreibung

Die Gesellschaften Lateinamerikas sind zunehmend von transnational organisierter Kriminalität bedroht. Die europäisch-lateinamerikanischen Beziehungen werden vom wachsenden Strom illegaler Aktivitäten beeinflusst, mit wenig wirksamen Gegenmitteln. Eine Fachtagung der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin in Zusammenarbeit mit Misereor brachte Expert*innen zusammen, um zu diskutieren: Wie kann dieses Phänomen eingedämmt werden, dessen Auswirkungen sich auch in Europa und Deutschland nachvollziehen lassen? Welche Rolle kann die lokale Zivilgesellschaft dabei spielen – und wo beginnt Verantwortung, wenn etwa der westliche Heißhunger auf Drogen die transnational organisierte Kriminalität in Lateinamerika befeuert?

Kapitel mit Zeitmarkierungen

• (00:00) – Einführung: Organisierte Kriminalität in Lateinamerika

• (01:57) – Was ist organisierte Kriminalität? Definition und Kontext

• (04:22) – Kolumbien: Drogenbanden, Gewalt und das Erbe des FARC-Friedensabkommens

• (10:37) – Brasilien: Drogenkartelle, Milizen und die Verstrickung des Staates

• (15:05) – Rolle der Zivilgesellschaft: Investigativer Journalismus und Aufklärung

• (22:52) – Alternativen zur Gewalt: Bildung und soziale Programme

• (24:28) – Europa in der Verantwortung: Drogenkonsum und globale Vernetzung

• (26:28) – Fazit und Outro

Unsere Expert*innen

Prof. Carolina Grillo • Institut für Sozialwissenschaften und Methodologie der Sozialwissenschaften an der Universidade Federal Fluminense in Rio de Janeiro.

Diana Salinas • Investigativjournalistin unter anderem für Cuestion Pública

José Luis Caballero Ochoa • Vize-Präsident der Interamerikanischen Menschenrechtskommission

Arne Schwoch • Landeskriminalamt Hamburg, Leiter des Hafensicherheitszentrums in Hamburg

Autor der Folge: Vincent Lindig

Host: Mandy Schielke

Hintergründe auf boell.de

• Stream/Deutsch: Eröffnungspanel Fachtagung „Transationale Organisierte Kriminalität – Gegenstrategien von Lateinamerika bis Deutschland“: [🔗 https://www.youtube.com/watch?v=c-pEQBh4L8I&t=5207s]

• Stream/Englisch: Eröffnungspanel Fachtagung „Transationale Organisierte Kriminalität – Gegenstrategien von Lateinamerika bis Deutschland“: [🔗 https://www.youtube.com/watch?v=CYgmtNA-jEE&t=2990s]

• Stream/Spanisch: Eröffnungspanel Fachtagung „Transationale Organisierte Kriminalität – Gegenstrategien von Lateinamerika bis Deutschland“: [🔗 https://www.youtube.com/watch?v=qhVCi2lAWfY&t=3625s]

Weiterführende Artikel und Quellen

Abwasseruntersuchung der European Union Drug Agency: [🔗 https://www.euda.europa.eu/publications/pods/waste-water-analysis_en]

Definition Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamts: [🔗 https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/OrganisierteKriminalitaet/organisiertekriminalitaet_node.html]

• Bericht der Vereinten Nationen über Situation von Umweltaktivist*Innen in Kolumbien: [🔗 https://www.hchr.org.co/wp/wp-content/uploads/2024/10/241027-Information-noteEnviromental-human-rights-defenders-final.pdf]

• Bericht von Rutas Del Conflicto über Angriffe auf soziale Aktivist*innen in Kolumbien: [🔗 https://rutasdelconflicto.com/notas/menos-187-lideres-lideresas-sociales-fueron-asesinados-colombia-2025]

• Recherche von Cuestion Pública: NarcoFiles: [🔗 https://cuestionpublica.com/narcofiles-el-nuevo-orden-criminal/]

Historische Karte der bewaffneten Gruppen in Rio de Janeiro der Universidade Federal Fluminense: [🔗 https://geni.uff.br/2022/09/13/mapa-historico-dos-grupos-armados-no-rio-de-janeiro/]

• Bericht von Global Initiative: After The War on Drugs. The impacts oif cocaone and cannabis regulation in Rio de Janeiro: [🔗 https://globalinitiative.net/wp-content/uploads/2024/10/After-the-war-on-drugs-The-impacts-of-cocaine-and-cannabis-regulation-in-Rio-de-Janeiro-Carolina-Christoph-Grillo-GI-TOC-October-2024.pdf]

• Bericht der Tagesschau über die Polizei-Razzia in Rios Favela Oktober 2025: [🔗 https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/rio-drogenbanden-razzia-100.html]

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Grafik: Irene Mayo, alle Rechte vorbehalten. | Bearbeitung: hbs

Transkript anzeigen

00:00:01:

00:00:10: Das Problem ist, dass staatliche Akteure oft partnerschaftliche Verbindungen mit Akteuren der organisierten Kriminalität eingehen.

00:00:19: Das führt dazu das genau die Ermittlungsbehörden, die für den Kampf gegen die organisierte Kriminalitätszuständig sind eine Art von Bestechungsbeziehung eingehen.

00:00:30: Sie führen und schützen diese Organisationen setzen auch Gewalt zum Eintreiben dafür ein oder beteiligen sich direkt an deren kriminellen Aktivitäten.

00:00:42: Das Problem, das wir ansprechen müssen ist also dass wir uns beim Kampf gegen die organisierte Kriminalität nicht auf staatliche Ermittlungsbehörden verlassen

00:00:51: können.".

00:00:58: Das ist Carolina Grillo aus Brasilien.

00:01:00: Sie ist Professorin für Sozialwissenschaften in Rio de Janeiro und das, was wir gerade gehört haben hat sie auf einer zweitägigen Fachtagung mit dem Titel Transnationale Organisierte Kriminalität gegen Strategien von Dateien Amerika bis Deutschland erzählt.

00:01:18: Und die hat Ende April in Berlin stattgefunden.

00:01:22: Dabei sind zahlreiche Aktivistinnen der Zivilgesellschaft und Akteure aus Politik und Strafverfolgung aufs Brasilien, Mexiko, Kolumbien, Ecuador, El Salvador und Peru zusammengekommen.

00:01:35: Und genau darum soll es gehen – in dieser Folge be Podcast.

00:01:38: mein Name ist Mendicirke vom Audio-Kollektiv und ich spreche hier mit meinem Kollegen Vincent Lindig der die Veranstaltung besucht und vertiefende Interviews dazu geführt hat.

00:01:49: Ja hallo Vincent, schön dass du hier bist.

00:01:51: Hallo!

00:02:05: Vincent erzähl mal worum ging es ganz grundsätzlich bei dieser Fachtagung?

00:02:09: Was hast Du mitnehmen können?

00:02:11: Erstmal eine beunruhigende Tendenz muss man sagen.

00:02:14: also die Gesellschaften Lateinamerikas sind zunehmend von international vernetzter organisierter Kriminalität bedroht.

00:02:21: Die damit verbundenen Probleme sind allerdings nicht auf die Region beschränkt, sondern überwinden durch die enge Verflechtung mit internationalen Handels-, Finanz- und Logistikstrukturen die Grenzen des Kontinents.

00:02:32: Das heißt, die Auswirkungen der Entwicklungen in Lateinamerika sind auch in Europa und Deutschland zu spüren – und andersrum!

00:02:39: Das gilt natürlich nicht nur für Latein Amerika.

00:02:42: In dieser Folge schauen wir aber zentral auf diese Region….

00:02:45: Es ging bei der Fachtagung nicht nur um eine reine Problembeschreibung, sondern auch darum zentrale Fragen rund um das Thema organisierte Kriminalität zu diskutieren.

00:02:54: Zum Beispiel wie kann transnational organisierte kriminalität wirksam eingedämmt werden?

00:02:59: und ganz wichtig welche Rolle kann die lokale Zivilgesellschaft dabei spielen?

00:03:03: Und wie kann die internationale Zusammenarbeit so gestaltet werden dass die menschliche Sicherheit als Ziel in den Fokus gerückt wird?

00:03:10: Okay, wenn es sind dann lasst uns mal kurz nochmal bei den Basics einsteigen.

00:03:15: Was ist eigentlich zu verstehen unter organisierter Kriminalität?

00:03:22: Ja in Deutschland wurde die heute geltende Definition im Jahr neunzehnundneinzig von Polizei und Justiz erarbeitet.

00:03:28: da heißt das sinngemäß Den Behördenspräch lass ich jetzt hier mal weg.

00:03:32: Organisierte Kriminalitet ist von Gewinnen oder Machtstreben bestimmte planmäßige Begehung von Straftaten Die einzeln oder in ihrer Gesamtheit von Bedeutung sind Und zwar dann, wenn mehr als zwei Beteiligte auf längere oder unbestimmte Dauer arbeitsteiligt zusammenarbeiten.

00:03:48: Dabei Gewalt und Einschichtung als Mittel zum Erreichen ihrer Ziele einsetzen – und ganz wichtig dafür Einfluss auf Politik, Medien, Verwaltung, Justiz- oder Wirtschaft ausüben!

00:03:59: Also nochmal ganz klar, organisierte Kriminalität sind also kriminelle Aktivitäten die bandenmäßig und unternehmerisch organisiert tief in unsere Gesellschaft hineinwirken um Macht und Geld zu erreichen.

00:04:11: Und wenn das eben über die Landesgrenzen hinaus passiert, dann spricht man von transnational organisierter Kriminalität.

00:04:18: Und vor allem um diese Ausprägung ging es auch auf der Fachtagung in

00:04:21: Berlin.".

00:04:39: Das muss man ganz deutlich sagen, das Thema ist in vielen Ländern der Region sehr brisant und bedrohlich.

00:04:45: Und zwar so sehr dass auch in diesem Podcast nur wenige Stimmen von Aktivistinnen zu hören sein werden die an dieser Fachtagung in Berlin teilgenommen haben.

00:04:54: um sie vor Verfolgung durch Akteure der organisierten Kriminalität zu schützen werde ich die Aussagen dann nur inhaltlich wiedergeben.

00:05:02: Das zeigt schon mal welches Risiko diese Aktivisten im Kampf gegen die organisierte Kriminalitet eingehen Und das ist wirklich keine Gefühlssache, sondern brutale Realität.

00:05:11: Und klar, also organisierte Kriminalität kann viele Gesichter haben aber bei der Fachtagung wurde deutlich dass gerade Drogenproduktion und Drogenhandel speziell Kokain ein ganz zentrales Problem für die Gesellschaften Lateinamerikas ist.

00:05:25: Der Heißhunger des Westens auf synthetische Drogen vor allem auf Kokain ist dann in den Gesellschaften lateinamericas Treiber von wirklich extrem gefährlichen Tendenzen.

00:05:35: Okay vielleicht Beginnen wir mal mit Kolumbien.

00:05:38: Wie sieht es hier aus?

00:05:44: Ja, das Land kämpft ja seit Jahren gegen die Gewalt, die ganz zentral auch mit Drogenbanden verbunden ist.

00:05:50: gerade Menschen, die sich für die Landrechte von Indigen oder Kleinbauern und Kleinbäuerinnen einsetzen oder selbst zu diesen Gruppen gehören, die leben in Kolumbian gefährlich Und das hat oft mit dem Thema Kokain zu tun.

00:06:02: Da wird Land für den Anbau von Koka-Pflanzen geraubt Wald gerodet, Menschen vertrieben.

00:06:07: Die Gewalt flammt auch entlang der Transportrouten oder rund um improvisierte Labore zur Herstellung von Drogen auf.

00:06:14: Ich habe am Rande der Fachtagung mit Diana Salinas gesprochen, sie ist Journalistin und Mitglied im investigativen Recherche-Kollektiv-Question Publika arbeitet schwerpunktmäßig zu den Themen Korruption, organisierte Kriminalität und Gewalt in Kolumbien und Lateinamerika Und sie führt die Gewalt in Kolumbiens Gesellschaft vor allem auf die organisierten Drogenbanden zurück, die das Machtwaku umgefüllt haben, dass durch das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC entstanden ist.

00:06:47: Seit dem Friedens-Abkommens-Kolumbien sind fast zwei Regierungen vergangen.

00:06:52: Die rechte Regierung, die unmittelbar nach dem Abkommen kam, hat die Sicherheit des Landes vernachlässigt.

00:06:58: Das führte dazu dass die Kriminalität stark wuchs.

00:07:01: Alle Routen, die die FAK durch das Friedensabkommen verlassen hatte wurden von sogenannten Dissidencias übernommen.

00:07:08: Das sind Gruppen, die Waffen nicht niederlegen wollten und sich als Guerilla bezeichnen.

00:07:13: Aber heute wissen wir dass neunzig Prozent dieser Gruppen – nicht nur FAK-Splittergruppen sondern auch die von der ELN reine Drogenkartelle sind.

00:07:25: Und damit beschreibt sie eine Situation, in der die Bevölkerung zwischen den rivalisierenden Gruppen steht und in der gerade soziale Aktivistinnen zur Zielscheibe werden.

00:07:34: Eben weil sie sich der Profitgier von kriminellen Organisationen durch ihren Einsatz für Landrechte, Pressefreiheit oder gegen Korruption in den Weg stellen.

00:07:49: Wir haben also eine Situation, in der die Zahl der Menschenrechtsverletzungen und der Morde an sozialen Anführerinnen weiterhin sehr hoch sind.

00:07:57: Die Zahl der Massaker durch Kämpfe zwischen diesen Gruppen um die Kontrolle der Routen bleibt ebenfalls hoch.

00:08:02: Das ist im Grunde die Folge der Nachlässigkeit bei der Umsetzung der Friedensverträge.

00:08:06: Heute unter der Linken Regierung, ist das Phänomen genauso schwierig wie bei der Waffenabgabe – wenn nicht sogar schlimmer!

00:08:13: Weil die Übernahme durch das organisierte Verbrechen absolut und total

00:08:17: ist.

00:08:18: Die Sicherheitslage im Land ist wirklich schlecht... ...und diese Drogenbanden handeln global.

00:08:23: Das ist kein rein kolumbianisches oder mexikanisches Phänomen mehr, sondern ein globales Netzwerk.

00:08:29: Okay

00:08:35: sie spricht hier von Massakern und von Kämpfen verschiedener Gruppen und davon dass die Sicherheitslage im Land darunter leidet.

00:08:42: Vincent kannst du das konkretisieren?

00:08:48: Ich habe mal ein paar Zahlen recherchiert.

00:08:50: Also, in Kolumbien wurden mindestens achtundvierzig Umweltaktivistinnen getötet.

00:08:56: Damit ist es in diesem Kontext das gefährlichste Land der Welt.

00:08:59: In Bezug auf soziale AktivistInnen insgesamt liegt die Zahl mit mehr als hundertsiebenundachtzig nochmal höher.

00:09:06: Das Medienkollektiv-Rutas del Conflicto hat das so zusammengefasst – in Kolombien ein oder eine soziale aktivistin zu sein bedeutet sich zur Zielscheibe von Gewalt zu machen!

00:09:17: Und diese Gewalt, die geht eben oft von Akteuren der organisierten Kriminalität aus trifft aber auch AktivistInnen, die zum Beispiel Korruption und Verstrickung von Sicherheitskräften oder Amtsträgern aufdecken will.

00:09:28: Die Situation ist also sehr gewaltvoll in Kolumbien, vor allem durch organisierte Drogenbanden.

00:09:35: Ja vermutlich ist das in Städten deutlich weniger zu spüren als auf dem Land.

00:09:40: Es ist ja oft so dass gerade die Innenstädte noch ganz gut von der Staatsmacht kontrolliert werden können während der sogenannte Arm des Gesetzes nicht bis in die entlegenen Teile des Landes reicht

00:09:52: Genau.

00:09:52: Das hat auch Jose Luis Caballero Ochoa, der Vizepräsident der Interamerikanischen Menschenrechtskommission bei seiner Keynote auf der Fachtagung aufgegriffen und auch nochmal klargemacht was das mit Ungleichheit zu tun hat.

00:10:09: Im

00:10:09: Fall von Kolumbien bestätigen offizielle Quellen, dass in den hundertfünfundachtzig Gemeinden mit Kokaanbau vierzig Prozent der Haushalte in den städtischen Zentren von mehrdimensionale Armut betroffen sind und hundertprozent in den verstreut liegenden ländlichen Gebieten.

00:10:24: Das ist das Vierfache bzw.

00:10:25: Fünffache des Landesdurchschnittes.

00:10:27: In diesen Gebieten leben zudem vor allem indigene Völker, indigenne Gemeinschaften und kleinbäuerliche Bevölkerungsgruppe.

00:10:37: Du hast ja neben Kolumbien auch einen Fokus auf Brasilien gelegt.

00:10:41: Wie ist die Situation hier?

00:10:42: Was ist das

00:10:43: Besondere?".

00:10:49: Ja, darüber habe ich mit Carolina Grillo gesprochen – die haben wir schon ganz am Anfang des Podcasts gehört!

00:10:57: Das Problem ist, dass staatliche Akteure oft partnerschaftliche Verbindungen mit Akteuren der organisierten Kriminalität eingehen.

00:11:06: Das führt dazu, dass genau die Ermittlungsbehörden, die für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität zuständig sind eine Art von Bestechungsbeziehung eingehen.

00:11:17: Sie führen und schützen diese Organisationen – und fordern dafür Schmiergelder, setzen auch Gewalt zum Eintreiben dafür ein oder beteiligen sich direkt an deren kriminellen Aktivitäten.

00:11:29: Das Problem das wir ansprechen müssen ist also, dass wir uns beim Kampf gegen die organisierte Kriminalität nicht auf staatliche Ermittlungsbehörden verlassen können.

00:11:45: Carolina Glio hat zusammen mit anderen an einer historischen Karte der bewaffneten Gruppen in Rio de Janeiro mitgearbeitet unter anderem gefördert von der Heinrich-Böll Stiftung und beschreibt die konkrete Situationen in der Küstenmetropole zum Beispiel so

00:12:02: Laut der historischen Karte stehen etwa dreißig Prozent des Stadtgebiet und zwanzig Prozent der Metropolregion unter der Kontrolle von Drogenkartellen oder Milizen.

00:12:12: Allein in der Metropolegion von Rio leben vier Millionen Menschen unter der Controlle oder dem Einfluss bewaffneter

00:12:19: Gruppen.".

00:12:20: Dieses Phänomen, das früher spezifisch für Rio de Janeiro war hat sich auf andere Städte ausgeweitet.

00:12:31: Carolina spricht hier von Drogenkartellen aber auch von Milicias also Melitzen.

00:12:36: die kennt man ja eher aus dem Kontext von Kriegen oder Bürgerkriegen.

00:12:41: was genau meint sie denn damit?

00:12:45: Im Kontext von Brasilien ist das tatsächlich ein anderes Phänomen.

00:12:49: Die Militias wurden ursprünglich gegründet, um bestimmte Nachbarschaften vor der Gewalt der Drogenbanden zu schützen.

00:12:55: Die Mitglieder waren oft ehemalige Polizisten, Sicherheitsmitarbeiter oder Ex-Soldaten aber mit der Zeit hat sich der Charakter dieser Militia stark geändert.

00:13:04: Carolina Greco hatte mir die Bedeutung von Drogenbanten und Milizen in Brasilien so auseinander debidiert.

00:13:16: Die Drogenbanden sind Gruppen, die ursprünglich als Gefängnis-Banden in den späten neunzehnten Jahrhunderts entstanden sind und seit den neunzentundachziger Jahren die Verteilung von Drogen in den Favelas und Peripheren Stadtvierteln in Rio kontrollieren.

00:13:31: Und untereinander darum konkurrieren.

00:13:34: Dieses Modell wurde später auf andere drasilianische Städte übertragen.

00:13:38: Die Milizen hingegen sind bewaffnete Gruppen, an denen auch staatliche Akteure wie Polizeibeamte und gewählte Vertreter beteiligt sind.

00:13:47: Sie betreiben Erpressung und nutzen Zwang um Monopole über wesentliche städtische Märkte- und Dienstleistungen in Arbeitervierteln durchzusetzen.

00:14:01: Aber das sagt Carolina Grillo eben auch.

00:14:04: ob jetzt Drogenbanden oder Miliz für die Bevölkerung ist beides eine Bedrohung und eine Einschränkung der Freiheit des Lebens.

00:14:37: Genau, und auch ein ganz klarer Tenor bei dieser Fachtagung war.

00:14:41: Der Nährboden für diese Entwicklungen ist in Brasilien, Kolumbien und vielen anderen Ländern Lateinamerikas gleich – nämlich strukturelle Ungleichheit, mangelnde wirtschaftliche Perspektiven und begrenzte soziale Aufstiegsmöglichkeiten gerade für junge Leute.

00:14:56: Das ist also auch ein Problem das wirklich tief in die Gesellschaften reinragt!

00:15:05: Jetzt ging es bei der Fachtagung aber nicht nur darum die schwierige Lage der Gesellschaften zu beschreiben, sondern auch darum herauszustellen wie Akteure der Zivilgesellschaft da was verändern können.

00:15:17: Was wurde denn dazu vorgeschlagen?

00:15:19: Also viele starke Aktivistinnen, die wirklich unter Einsatz ihrer Sicherheit und ihres Lebens gegen die Gewalt- und Korruption kämpfen, die mit der organisierten Kriminalität einhergehen haben mich beeindruckt und bewegt.

00:15:30: Man kann ganz grundsätzlich sagen, an vielen Stellen springt die Zivilgesellschaft dort ein wo der Staat nicht handelt oder staatliche Akteure in die Strukturen der organisierten Kriminalität verstrickt sind.

00:15:42: Das kann dann zum Beispiel in Form von Journalismus passieren, der Gewalt und Willkür von Seiten der Banden aber auch Korruption in Polizei und anderen Sicherheitsorganen dokumentiert.

00:15:52: Diana Salinas ist ja Teil von Question Publika und deckt die Verbindung von staatlichen Akteuren zum organisierten Verbrechen auf.

00:16:10: Es gab ja eine Zeit, in der Journalismus stark von Leaks geprägt war.

00:16:14: also durchgesickerte E-Mails und Dokumente, die Panama Papers, Pandora Papers usw.

00:16:20: Vor ein paar Jahren gab es dann einen großen League der kolumbianischen Staatsanwaltschaft bekannt als Guacamaia.

00:16:27: Das waren siebenhundert Millionen E-mails Und was wir darin gesehen haben ist dass ein Großteil der Ermittlungen den Drogenhandel betraf.

00:16:36: Deshalb haben wir untersucht wie die Staatsanwaldschaft den Drogengandel analysiert

00:16:43: Und über diese Analyse konnten Diana Salinas und ihre KollegInnen bei Question Publica dann aufdecken, wie tief das organisierte Verbrechen bereits in staatliche Strukturen vorgetrungen ist.

00:16:54: In Colombia es war nicht möglich zu machen einen Kampio von Politikern.

00:16:59: Wir haben gesehen dass es in Kolumbien kaum möglich ist politische Veränderungen umzusetzen weil fast alle Institutionen vom organisierten Verbrechendurchdrund sind wenn man zum Beispiel in der Nähe von Buona Ventura arbeitet.

00:17:12: Das ist der Hafen, über den die größten Beschlagnahmungen laufen.

00:17:16: Dort sind die Polizei und alle Ebenen des Militärs sowie das Verteidigungsministeriums infiltriert – auch die Staatsanwaltschaft!

00:17:24: Man musste im Grunde nur den Teppich dieser E-Mails anheben, um zu sehen was darunter liegt.

00:17:31: Und warum interessiert uns das?

00:17:32: Ganz einfach!

00:17:33: Weil es sich um eine der wichtigsten Untersuchungen im Land handelt, zu der fast niemand Zugang hat.

00:17:39: Wir konnten nur über die Leaks darauf zugreifen weil es über die Staatsanwaltschaft keinen Zugang gab.

00:17:45: Niemand gibt Informationen weiter und heute ist es fast unmöglich in die Regionen zu gehen um zu recherchieren.

00:17:51: Das ist schlichtweg lebensgefährlich.

00:17:53: Also blieb uns nichts anderes übrig, als es auf digitalem Weg zu machen – über die E-Mails.

00:17:59: Und mit dieser Information ist es uns gelungen, die Recherche weiterzutreiben und viele Dinge

00:18:04: aufzudecken.".

00:18:20: zivilgesellschaft, die sich gegen Gewalt und Korruption stemmt.

00:18:24: Und zwar unter großen Gefahren für die beteiligten Journalistinnen und Journalisten so wie wir eben gehört

00:18:30: haben.".

00:18:31: Ja und am zweiten Tag der Fachtagung, der hinter verschlossenen Türen stattfand wurde das auch nochmal von einer Person betont, die wir aus Sicherheitsgründen nicht hören können.

00:18:40: Diese Person hat darüber gesprochen, wie wichtig die Dokumentation von Verbrechen und Korruptionen für eine funktionierende Gesellschaft ist Und genauso wichtig sei es, diese Information der Bevölkerung zugänglich zu machen.

00:18:51: Auf diesem Feld spielt auch Carolina Grillo aus Brasilien – sie forscht schwerpunktmäßig zur Bandengewalt und Gewalt durch Sicherheitsorgane – auch zur Verstrickung von zum Beispiel Polizei-und Drogengangs und sieht in ihrer Arbeit eine zentrale, demokratiefördernde Funktion der Zivilgesellschaft.

00:19:11: Es gibt

00:19:11: in diesem Zusammenhang auch noch eine weitere Rolle für die Zivilgesellschaft, nämlich Daten zu sammeln um die öffentliche Debatte zu informieren.

00:19:20: Denn zum Beispiel wurden sehr wichtige Wahlen von Kandidaten gewonnen, die offen außergewichtliche Hinrichtungen und die Auslöschung von Kriminellen unterstützt haben.

00:19:29: Diese gewaltsamen Ansätze zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens sind in der Bevölkerung sehr populär.

00:19:36: Deshalb muss die öffentliche Meinung hinterfragt und erkämpft werden.

00:19:42: Es

00:19:44: geht ja also darum, ganz generell etwas dem Klima der Gewalt in Brasilien entgegenzusetzen – und zwar mit Daten und Informationen für alle oder?

00:19:55: Könnte man so sagen!

00:19:56: Also Carolina hat nämlich auch nochmal erzählt, dass die Polizei und andere Sicherheitsbehörden oft unter dem Vorwand Drogenbanden zu bekämpfen martialische Einsätze in den Verwählers durchführen bei denen viele Zivilistinnen getötet werden.

00:20:09: Dabei arbeiten sie auf einem höheren Level oft zusammen also die Gangstahlen zum Beispiel an die Sicherheitsbehörden abgaben.

00:20:15: Als besonders düsteres Beispiel für so einen martialischen Einsatz hat sie den Angriff auf eine Favela in Rio de Janeiro Ende letzten Jahres genannt, bei der mehr als hundertdreißig Menschen durch die Sicherheitskräfte getötet wurden.

00:20:27: Die Bilder der Toten auf den Straßen von dieser Favelaa gingen damals um die Welt und das Narrativ der Polizei dass man mit solchen Einsätzen des organisierte Verbrechen bekämpft ist ihrer Meinung nach absolut schädlich für Bürgerrechte und Demokratie und basiert nicht zuletzt auf einer Lüge.

00:20:50: In Brasilien gibt es eine sehr fehlgeleitete Darstellung von kriminellen Organisationen.

00:20:56: Und zwar in dem Sinne, dass die öffentliche Meinung gewaltsames Handeln der Polizei unterstützt weil sie glaubt das die Achtung der Menschenrechte und verfassungsmäßigen Garantien ein Hindernis für die Kriminalitätsbekämpfung sei.

00:21:11: Die öffentliche Meinung glaubt tatsächlich, dass polizeiliche Gewalt ein wirksames Mittel zur Bekämpfung von Kriminalität ist.

00:21:18: Daher besteht eine große Herausforderung darin die Öffentlichkeit besser zu informieren indem man erklärt das Polizeigewald Teil der organisierten Kriminalität ist und nicht im Gegensatz zu ihr steht.

00:21:44: Ja, sie hat ganz klar gesagt dass die Angriffe durch Sicherheitsorgane des Staates den Gangs indirekt sogar helfen.

00:21:50: Bei jedem Einsatz werden Menschen verletzt getötet oder ihre Lebensgrundlage beraubt und die oder deren Angehörige sind dann wieder die direkten Anwärter für einen Job im organisierten Verbrechen einfach weil andere Perspektiven fehlen.

00:22:04: Das hat übrigens auch José Luis Caballero Ochoa nochmal aufgegriffen.

00:22:13: Die

00:22:13: massphafte Inhaftierung junger, afro-stämmiger Menschen zum Beispiel in Brasilien hat die Gewalt nicht reduziert sondern stattdessen Ausgrenzungspfadere produziert Familienbande zerrissen und die soziale Basis des organisierten Verbrechens verbreitet.

00:22:27: Dies trifft die Familien und insbesondere die Frauen, die die sozialen wirtschaftlichen und psychologischen Konsequenzen der staatlichen Gewalt tragen.

00:22:35: Deshalb scheitert die Kombination aus tödlicher Repression und exzessiver Bestrafung Nicht nur an ihren erklärten Zielen Befeuert genau die Situation und Dynamiken, die sie zu bekämpfen vorgibt.

00:22:46: Alimenta la propia situacion y las dinamicas que dice

00:22:51: combatir.".

00:22:52: Was wäre denn eine geeignetere Methode, die Gewalt zu bekkämpfen?

00:22:56: Was hat Caroline Krillo dir dazu gesagt?

00:22:59: Die Antwort liegt ihrer Meinung nach ganz, ganz fern ab von gewaltsamen Polizeieinsätzen oder vollen Gefängnissen.

00:23:11: Es gibt Programme, die in Zusammenarbeit mit Grassroots Organisationen durchgeführt werden um diesen jungen Leuten vor allem Jungen aber auch Mädchen stipendien zu geben damit sie studieren können an beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen und so andere Möglichkeiten bekommen.

00:23:29: Bildung wird in Brasilien sehr oft als langfristige Lösung für Kriminalität beschrieben, aber sie ist keine langfristigen Lösung.

00:23:36: Denn wenn ein dreizehn-, vierzehn- oder fünfzehnjähriger Junge der derzeit für eine Drogenbandin einer Faväle arbeitet an ein soziales Projekt angebunden ist kann er die Chance bekommen diese Netzwerke zu verlassen und ein besseres Leben zu führen.

00:23:52: Das ist also keine langfristige Lösung sondern eine sehr unmittelbare.

00:23:59: In

00:24:02: Kolumbien, als auch Brasilien und allen anderen Ländern in Lateinamerika gilt also zeigen was ist die Bevölkerung über Korruption und Kriminalität informieren und Perspektiven Absatz der Drogenbanden anzubieten.

00:24:18: Das ist es was die Zivilgesellschaften leisten können um der organisierten Kriminalitet etwas entgegen zu halten.

00:24:26: Aufklärungen im Prinzip

00:24:28: Genau.

00:24:28: Und dann gibt es natürlich auch noch unsere Seite dieser Thematik, die Akteure des organisierten Verbrechens sind bei uns dabei Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftliche Sicherheit zu untergraben.

00:24:39: Den Punkt hat auch Arne Schwoch auf dem Podium der Fachtagung noch mal gestärkt.

00:24:43: Er ist vom Landeskriminalamt Hamburg und zugleich Leiter des Hafensicherheitszentrums in Hamburg, damit ist er genau da aktiv wo die Drogenlieferungen aus Lateinamerika zum Beispiel bei uns ankommen und dann oft durch Insider aus deutschen Häfen wieder rausgeschmuggelt werden.

00:24:58: Und gleichzeitig ist ein Problem, dass eine sehr schlaube Angelegenheit ist dieser Kokainhandel.

00:25:04: Links und rechts fallen auf diesen Routen immer wieder Kokainpakete runter als Bezahlung.

00:25:09: also.

00:25:09: wir stellen fest das entlang dieser Routens nicht nur Gewalt steigt Korruption steigt Geldwäsche steigt Sondern eben auch der Konsum steigt.

00:25:17: Das ist auch ein Phänomen was uns Sorgen bereiten sollte wenn sich Ruten ändern.

00:25:22: Darauf haben wir keinen Einfluss.

00:25:28: Und nicht zuletzt geht es auch in Bezug auf Drogen eben um Verantwortung, weil der Konsum von Drogen – auch von Kokain – geht in Europa immer weiter hoch.

00:25:37: Allein zwischen dem Jahr ist der Kokain-Konsum in europäischen Städten um rund zwanzig Prozent gestiegen wie eine Abwasseruntersuchung herausgefunden hat und hierzu hat Arne Schwach auch ein paar sehr deutliche Worte gefunden.

00:25:54: Und als Europäer muss man leider sagen, wir hier in Europa sind verantwortlich vor allen Dingen für die Nachfrage und das ist das was wir beeinflussen können.

00:26:05: Vor allen Dingen ich als Hamburger kann jetzt mit meiner Organisation dazu beitragen dass wir so viel wie möglich sicherstellen.

00:26:12: aber solange der europäische Konsumentmarkt... Ich glaube es ist inzwischen der größte der Welt So gierig isst können wir als Polizei, als Zoll, als BKA, als Bundespolizei viel machen.

00:26:25: Aber am Ende

00:26:28: Ja, das ist ein interessanter Punkt weil er ja auch die internationale Vernetzung des organisierten Verbrechens und eben unsere Seite davon nochmal aufgreift.

00:26:39: Und auch dass wir hier in Deutschland zum Beispiel ganz direkt mit der Gewalt und der Untergrabung von Gesellschaften im entlegenen Lateinamerika verbunden sind.

00:26:49: Das bringt eben auch eine Verantwortung mit sich – Food for Thought wie man so sagt.

00:26:56: Ja, vielen Dank für deine Eindrücke die du hier mitgebracht und mit uns geteilt hast.

00:27:00: Danke!

00:27:01: Sehr gerne, vielen dank dir.

00:27:02: Und das war ein Podcast in der Reihe Böl Podcast bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

00:27:08: Bei Fragen & Anregungen schreibt uns gern an podcastatböl.de In der nächsten Folge hier bei Böl podcast wird es um das Berlin Forum für globale Zusammenarbeit gehen.

00:27:21: Danke fürs Zuhören.

00:27:22: mein Name ist Mediaschilke vom Audio Kollektiv.

00:27:25: Machen Sie es

00:27:32: gut!

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