40 Jahre Tschernobyl – Geschichte und Gegenwart
Shownotes
Was bedeutet Tschernobyl für die Geschichte der Grünen und der Anti-Atomkraft-Bewegung – damals und heute?
Zitat der Folge
„Die Grünen haben immer zu denen gehört, die eindringlich und verzweifelt vor den unermesslichen Gefahren der Atomenergienutzung und vor einem GAU gewarnt haben. Wir wünschten, wir hätten niemals recht behalten. Nach Tschernobyl können auch die bundesdeutschen Atomkraftwerke nicht weiterlaufen, als sei nichts geschehen und als könne bei uns nichts geschehen.“
Eva Quistorp, Mitgründerin der Grünen aus der Pressemitteilung vom 29. April 1986
Episodenbeschreibung
Vierzig Jahre ist es jetzt her: Es explodiert ein Reaktor im Kernkraftwerk Wladimir Iljitsch Lenin – besser bekannt als Atomkraftwerk Tschernobyl. In der Folge werden riesige Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt. Das Unglück gilt als der schwerste Atomunfall in der Geschichte – mit weitreichenden Folgen für Umwelt, Gesundheit, Politik. Je nach Lesart gilt der Super-Gau als Wendepunkt oder Katalysator auch in der Grünen Geschichte dieses Landes. Warum das so ist, wie Tschernobyl grüne Politik geprägt hat, wie Zeitzeug*innen sich an das Frühjahr 1986 erinnern und warum ein Nachdenken über Tschernobyl auch heute sehr relevant ist, hört ihr in diesem Podcast.
Kapitel mit Zeitmarkierungen
• (00:00) – Einführung: 40 Jahre Tschernobyl – Warum die Katastrophe noch heute relevant ist
• (01:08) – Persönliche Erinnerungen und die unterschiedliche Informationspolitik in Ost und West
• (04:28) – Was genau passierte am 26. April 1986?
• (07:54) – Geheimhaltung und das globale Rätselraten um das Ausmaß der Katastrophe
• (09:37) – Reaktionen in der Bundesrepublik: Die Grünen und die Anti-AKW-Bewegung
• (21:13) – Tschernobyl in der DDR: Zensur, Widerstand und der Ost-Berliner Piratensender
• (35:37) – Tschernobyl heute: Kollektives Gedächtnis, Atomausstieg und neue Bedrohungen durch den Krieg in der Ukraine
• (40:22) – Outro: Ausstellung, Dossier und Portal Grüne Geschichte
Unsere Expert*innen
Rebecca Harms • Zeitzeugin, Anti-Atomkraft Aktivistin, ehemaliges Mitglied des EU-Parlamentes
Karena Kalmbach • Umwelt- und Technikhistorikerin
Eva Quistorp • Zeitzeugin, Gründungsmitglied der Grünen
Tina Krone • Zeitzeugin, Teil der Frauenbewegung in der DDR
Clara Frysztacka • Historikerin, Referat Zeitgeschichte der Heinrich-Böll-Stiftung
Autorin der Folge: Mandy Schielke
Host: Jule Eikmann
Hintergründe auf boell.de
• Dossier „Nach Tschernobyl – Dokumente und Perspektiven einer grünen Geschichte“: [🔗 https://www.boell.de/de/nach-tschernobyl]
• Dossier "Tschernobyl: 40 Jahre nach der Katastrophe – Atomkraft im Osten Europas": [🔗 https://www.boell.de/de/tschernobyl-40-jahre-nach-der-katastrophe]
Weiterführende Artikel und Quellen
• Tina Krone Piratensender gegen die Stille des Regimes: [🔗 https://soundcloud.com/boellstiftung/tina-krone-piratensender-gegen]
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Gebündelt und auf den Punkt gebracht: böll.podcast ist das neue Podcastformat der Heinrich-Böll-Stiftung. Hier sprechen unsere Hosts Mandy und Jule jede Woche mit Gäst*innen über Politik, Gesellschaft und Umwelt. Es geht um Ideen, Konflikte und Fragen, die uns heute bewegen und unser Morgen prägen. Jede Folge eröffnet neue Blickwinkel und lädt dazu ein, gemeinsam weiterzudenken.
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Grafik: Cornelia Blomeyer, alle Rechte vorbehalten. | Bearbeitung: hbs
Transkript anzeigen
00:00:01:
00:00:03: Vierzig Jahre ist es jetzt her, da explodiert ein Reaktor im Kernkraftwerk Wladimir Ilyich Lenin besser bekannt als Atomkraftwerk Chernobyl.
00:00:13: In der Folge werden riesige Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt – das Unglück gilt als der schwerste Atomenfall in der Geschichte mit weitreichenden Folgen für Umwelt,
00:00:23: Gesundheit
00:00:24: und Politik.
00:00:26: Und Chernobyl hat auch unsere Gesellschaft nachhaltig geprägt!
00:00:30: Je nach Lesart gilt der Supergau als Wendepunkt oder Katalysator, auch in der grünen Geschichte dieses Landes.
00:00:37: Warum das so ist?
00:00:38: Wie Chernobyl Grüne Politik geprägt hat, wie Zeitsäuginnen sich an das Frühjahr neunzehnhundertsechsundachtzig erinnern und warum ein Nachdenken über Chernobyl auch heute sehr relevant ist – relevant für unsere Gegenwart!
00:00:50: Das kann ich mit Mandy Schielke vom Audio-Kollektiv besprechen.
00:00:54: Hallo Mandy und willkommen zu diesem Podcast.
00:01:09: Ich erinnere mich tatsächlich gut an diesen Tag im April.
00:01:13: Ich war sechs Jahre alt und spielte in unserem Garten in Schleswig-Holstein, als meine Mutter rausgestürmt gekommen ist und mich ins Haus gezogen hat, völlig überraschend und für mich als Kind auch völlig unerklärlich.
00:01:26: Später durfte ich dann auch wieder im Matsch buddeln aber den Salat aus dem eigenen Garten, den haben wir tatsächlich in diesem Jahr nicht gegessen.
00:01:33: Wie war das für dich, Mandy?
00:01:34: Hast du noch Erinnerungen an die Zeit nach Chernobyl?
00:01:37: Tatsächlich überhaupt nicht.
00:01:39: Und das liegt ganz klar daran, dass ich in der DDR groß geworden bin und das Thema dort offiziell ziemlich unter den Tisch gekehrt wurde... acht Jahre alt und kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich nicht draußen spielen durfte oder dass wir im folgenden Sommer auf Tomaten- oder Obst aus dem Garten verzichtet haben.
00:01:58: Anders als es mir viele Gleichaltrige und du ja eben auch erzählt haben die im Westen und zu diesem Zeitpunkt noch geteilten Deutschland aufgewachsen sind.
00:02:07: naja Das hat auch mit Informationspolitik zu tun, die in Ost und West sehr unterschiedlich war.
00:02:14: Ich habe für diese Podcast-Folge mit Menschen gesprochen, die auf beiden Seiten der Mauer politisch aktiv waren – mit Rebecca Harms zum Beispiel.
00:02:23: Sie war lange Mitglied des Europäischen Parlaments und war damals Mitte der neunzehnhundertachziger Jahre aktiv in der Anti-Atomkraftbewegung der Bundesrepublik.
00:02:34: Und sie kann sich gut an die Katastrophe erinnern!
00:02:38: Ich war damals nicht Mitglied der Grünen Partei, ich stand an der Spitze der Bürgerinitiative im Wendland.
00:02:46: Alle waren... auf eine Art gleichermaßen hilflos, was die Bewertung des Ganzen angeht.
00:02:54: Weil man hatte ja solche Katastrophe und dieses Problem das radioaktive Wolken quasi über Europa hinwegzogen, die ganze Welt umrundeten zwar mehrfach.
00:03:07: so etwas hatte man ja vorher noch nicht erlebt und musste sich bis dahin auch gar nicht damit auseinandersetzen.
00:03:15: Ich weiß nicht, wie schnell sich damals die Stimmung zu Ungunsten der Atomkraft gedreht hat.
00:03:25: Obwohl ich eine wichtige Person in der Antiatombewegung war, bin mir sehr sicher, dass erst die Erfahrung dieser Katastrophe und diese Erfahrung davon das Radioaktivität Schlimmsten Fall keine Grenzen kennt, dass erst diese Erfahrung und nicht der Aktivismus vorher gegen die Atomkraft beeinflusst hat.
00:03:53: Interessant!
00:03:54: Und Rebecca Harms hat ja diesen Zwitsch in der Wahrnehmung auch sicher sehr deutlich spüren können – die Bürgerniziative im Wendland, die sie damals angeführt hat, hatte sich schon vorher gegen einen Atommüllentlage am niedersächsischen Goreleben eingesetzt Und zu einer Zeit, als die möglichen Folgen also diese Bedrohung mit der Kernkraft einhergehen kann noch gar nicht im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen war.
00:04:15: Also da gehe ich davon aus, Chernobyl war dann wirklich eine Zäsur, das erste Mal jedenfalls für Menschen in Europa dass sie gefahren von Atomkraft so direkt erfahrbar wurden.
00:04:25: aber lass uns doch nochmal in Erinnerungen rufen was genau ist denn da passiert?
00:04:28: am sechsohnzwanzigsten April,
00:04:32: Ja, in der Nacht vom fünfundzwanzigsten auf den sechsohnzwanziger April wurden in Chernobyl in der heutigen Ukraine nördlich von Kiew.
00:04:43: Auf ukrainisch Chornobyl also Luftlinie ist das etwa ein Tausend Einhundert Kilometer entfernt von Berlin.
00:04:49: da wurde eine sogenannte Performance Test durchgeführt.
00:04:54: Dass das ganze Risiko reich sein könnte, war klar.
00:04:57: Deshalb wurde dieser Test auch mehrfach verschoben.
00:05:00: Das hat mir die Technik und Umwelthistorikerin Carina Keimbach erzählt.
00:05:06: Was ist passiert?
00:05:07: Dieser Test gerät außer Kontrolle.
00:05:09: Es folgen eine Reihe von Explosionen in dem Reaktorgebäude, die das Gebäude und den Reaktor zerstören und zu großflächiger Freisetzung von radioaktiven Material geführt haben.
00:05:23: Hören wir Carina Keimbach dazu!
00:05:25: Was dort explodiert, das war eine thermische Explosion.
00:05:27: Das war jetzt ja keine Explosion wie in Hiroshima und Nagasaki, dass dort eine Atombombe explodierte, sondern der Reaktor ist aus Grund von termischen Explosionen zerstört worden.
00:05:36: Und was dann eben freigesetzt wurde, war das radioaktive Material, in dem Reaktor befunden hat.
00:05:44: Es war eben keine Explosion einer atomaren Bombe, sondern das Reaktorgebäude ist eben zerstört worden.
00:05:50: und durch diese Sprengkraft dieser thermischen Explosionen sind eben diese radioaktiven Stoffe sehr hoch in höhere Atmosphärenschichten geschleudert worden.
00:05:59: Und dadurch kam es eben zu dieser sehr weitflächigen Verbreitung von radioaktivem Material über die gesamte nördlicher Hemisphäre
00:06:09: Wobei natürlich zunächst und vor allem die Menschen in der unmittelbaren Umgebung sehr gefährdet waren.
00:06:13: Es gab viele Tote, Feuerwehrleute, die ganz nah an den Brand geschickt wurden, die auch kontaminiertes Material berührt haben und dann infolge der radioaktiven Verstrahlung Wochen später qualvoll gestorben sind.
00:06:26: Wie viele Menschen ihr Leben gelassen haben oder in der Folge an der Strahlenbelastung gestorben sind, lässt sich das irgendwie einordnen?
00:06:33: Die Technik-Historikerin Carina Kahnbach hat mir gesagt, dass es dazu bis heute keine verlässlichen Zahlen gibt.
00:06:47: Hunderttausend.
00:06:48: Eine enorme Spannbreite und das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Frage nicht so ganz zu beantworten ist oder nicht eindeutig beantwortet wird welche Opfer da man eigentlich einbeziehen soll?
00:07:00: Das hat auch viel mit Transparenz zu tun Und die hatte es zu dem Vorfall erst mal überhaupt nicht gegeben.
00:07:07: hat er dann auch eine sogenannte verbotene Zone eingerichtet mit einem dreißig Kilometer Radius um das Kraftwerk herum, die dann auch komplett vom Militär kontrolliert wurde und dort probiert.
00:07:19: Die höchste Kontamination durch Fällen von Bäumen, durch Abtragen von oberen Bodenschichten und ähnlichen da sozusagen ein bisschen einzuhägen.
00:07:27: aber diese Freisetzung des radioaktiven Materiales ging natürlich weit über diesen Dreißigkilometer Radios hinaus.
00:07:34: der größte Teil des Niederschlags ist auf dem Gebiet von Belarus herabgekommen, die nördliche Ukraine und restliche Teil des heutigen Russlands natürlich eben auch sehr stark kontaminiert.
00:07:44: Aber eben auch in anderen Regionen vor allem Europas aber eben auch weit darüber hinauf ließen sich diese Stoffe dann nachweisen.
00:07:54: Aber die Information was da genau passiert ist im Reaktor IV des Kennkraftwerks also welche Auswirkungen zu befürchten waren das ist erst mal gar nicht klar und offen kommuniziert worden oder?
00:08:04: Genau, denn der gesamte Nukleasektor in der Sowjetunion unterlag im kalten Krieg der Geheimhaltung.
00:08:12: Der Umgang der Sowjets Union direkt Ende April, nachdem sich der Unfall ereignet hatte war erst mal ein... Ein Schweigen.
00:08:19: Es gab erst einige Tage nach dem Unfall eine kurze Pressemitteilung, die dann auch in sowohl den Medien innerhalb der Sowite nun aber eben auch in Westeuropa und den USA veröffentlicht wurde, in der es hieß das ist ein Unfall an dieser Atomanlage gegeben hätte oder obvergeben würde und dass man dabei ist, die Unfallauswirkungen einzudem erhegen Was das jetzt genau heißen würde und wie schwer wegen dieser Unfall war, was da eigentlich genau passiert ist.
00:08:48: Darüber rätselten Anfang Mai, die gesamte Welt und probierte irgendwie Informationen zu bekommen um herauszufinden, was dort eigentlich passiert war.
00:08:57: Ja, und dass es einen Unfall, einen Zwischenfall gegeben haben muss.
00:09:01: Das hatten Forschende schon vorher entdeckt vor der ersten Pressemitteilung weil an einem AKW in Schweden erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen wurden Und man relativ schnell merkte das kommt gar nicht von hier von dieser Anlage sondern das muss irgendwo anders herkommen.
00:09:19: und anhand von meteorologischen Wetterdaten konnte dann berechnet werden die Strahlung kommt aus der Sowjetunion
00:09:26: Das heißt, zu dem Zeitpunkt waren die Werte mehrere hundert Kilometer vom Unglücksort entfernt bereits erhöht.
00:09:33: Wann wusste man denn in der Bundesrepublik und wann in der DDR Bescheid?
00:09:37: Ich fange mal mit der BundesRepublik an.
00:09:39: zwei Tage nach der Explosion gibt es die ersten Meldungen in den Nachrichten.
00:09:46: Eva Quistop, Umweltaktivistin mit Begründerin der Grünen Partei und zu diesem Zeitpunkt Bundesvorstandsmitglied hat den Fernseherabend in ihrer Wohnung in Bonn eingeschaltet.
00:09:57: So richtig einordnen kann sie das was sie da hört und sieht erst mal nicht.
00:10:00: aber an ihre Gedanken kann sie sich schon erinnern.
00:10:02: Da
00:10:02: ist ein Atomara brandt und dann habe ich assoziiert als eine die neunzigfünfvierzig geboren ist und meine Mutter hat mir erzählt von denen brennenden Städten während des Krieges, meine Mutter war Anti-Nazi und hat dann geholfen mit Wassereimern die Städte zu löschen.
00:10:18: Und plötzlich fiel mir dieses Bild ein und fiel mal ein Eva du musst jetzt ganz konzentriert sein spätestens morgen früh musst du handeln wie deine Mutter und helfen den Branden zu lösen.
00:10:29: Im übertragenen Sinn ist das natürlich gemeint, also aktiv werden.
00:10:33: Wie das geht weiß sie gut!
00:10:34: Sie stellt sich den Wecker auf sieben Uhr morgens und versucht, obwohl sie total aufgewühlt ist Kraft zu tanken und Schlaf zu finden.
00:10:41: Das Gespräch mit Eva Quistop war sehr interessant weil sie sich wirklich ziemlich gut und vor allem detailliert an die Tage nachdem Reaktor Unglück erinnern konnte Daran, dass der Morgen des neunundzwanzigsten April in Bonn sehr sonnig war etwa und wie bedrohlich sie die Vorstellung fand das sich da jetzt eine Gefahr in der Luft befand.
00:11:03: Ich habe um acht Uhr morgens vom Bundesvorstand gestanden hätte ich den Schlüssel gehabt hätte ich dann noch früher gestanden Und dann war der Pressesprecher Michael Schrören zum Glück da aus dem Bundesvorstand reagiert hat und angerufen hat, bin ich dann zur Bundestagsfraktion gegangen.
00:11:19: Die war auch vollkommen leer.
00:11:20: Und dann habe ich da aber einen Mitarbeiter gefunden.
00:11:22: Ich glaube der hieß Harry Kupfer aus Rheinland-Pfalz.
00:11:26: Dem habe ich gesagt, hör mal wir beide müssen jetzt die Verantwortung übernehmen und eine Presseerklärung aus grüner Sicht und mit grünem Wissen herausgehen.
00:11:34: Das habe ich dann mit ihm zusammen gemacht.
00:11:36: Ja, und das war dann die erste offizielle Stellungnahme aus der Politik zur Katastrophe in Chernobyl.
00:11:42: Pressemitteilung Fünfzig Schrickstrich Sechsund Achtzig mit der Überschrift «Chernobyl ist überall für den sofortigen Stopp aller Atomanlagen».
00:11:52: Und dieses Chernobyl ist überall?
00:11:54: Das ist ja dann in den folgenden Monaten oder man kann sogar Jahre sagen… zu einem bekannten oder dem bekanntesten Slogan der Anti-AKW Bewegung geworden.
00:12:03: Ja, genau!
00:12:04: Bei unserer Begegnung hat Eva Quistop eine Fotokopie dieser Presseerklärung von der ich hier gesprochen habe vom neunundzwanzigsten April nünzelt sechsund achtzig auch dabei gehabt und sie hat mir daraus vorgelesen hören wir mal
00:12:19: Die Grünen haben immer zu denen gehört, die eindringlich unverzweifelt vor den unermesslichen Gefahren der Atomenergie-Nutzung und vor einem Gau gewarnt haben.
00:12:29: Wir wünschten wir hätten niemals recht behalten!
00:12:33: Nach Chernobyl können auch die bundesdeutschen Atomkraftwerke nicht weiterlaufen als sei nichts geschehen – und als könne bei uns nix
00:12:41: geschehn.".
00:12:42: Ja, die Erklärung ist natürlich deutlich länger gewesen.
00:12:45: Es ging um die Forderungen an dieser Wertunion zu einer Stellungnahme zum Unglück und das Ganze endete mit dem Aufruf – ich zitiere – «die Anti-Atomenitiativen zur vielfältigen Aktionen zu bewegen».
00:13:00: Ich habe eher die Bestürzung betont und dass wir auch verzweifelt waren, statt zu betonen.
00:13:05: Wir hatten immer Recht.
00:13:06: also das wollte ich so in so ein Gleichgewicht bringen weil die Grünen ja auch nicht die einzigen waren, die gegen Atomkraftwerke gewesen sind und man mehr erkennt.
00:13:14: es ist jetzt wirklich eine verzweifelde Situation vor allem erstmal für die Opfer um Kierferum und die Reaktormitarbeiter und die das alle erleben und dass mit einer gewissen Achtung Respekt erst mal den Opfern gegenüber reagieren müssen.
00:13:34: Nach Chernobyl haben die Argumente gegen die Atomkraft und die Sorgen um die Umwelt ja auch enorm an Glaubwürdigkeit gewonnen, viele Menschen hatten Angst vor verstrahlter Nahrung oder saurem Regen und sie suchten nach politischen Alternativen – und fanden Sie dann auch bei den Grünen!
00:13:49: Was für Folgen hatte das?
00:13:50: Die Mitgliederzahlen der Grünen stiegen deutlich an.
00:13:54: Sie starteten mit anderen Gruppen eine Kampagne für einen Volksentscheid, für den Ausstieg aus der Atomkraft die großen Widerhalt in der Gesellschaft hatte.
00:14:03: Generell gab es eine große politische Mobilisierungswellen in der Bevölkerung.
00:14:08: davon hat mir auch Clara Fristatska erzählt.
00:14:11: bei der Heinrich-Börsch-Stiftung leitet sie das Referat für Zeitgeschichte
00:14:16: Diese Antidomkraft, Mobilisierungen und Bewegungen die schon in der siebziger Jahren sehr stark waren bekommen aber nach Chernobyl einen total anderen Charakter.
00:14:25: Kommen raus
00:14:26: aus
00:14:27: die Mobilisierung in konkreten Orten um konkrete Kraftwerke hin zu einer Beschäftigung mit der immensen Gefahren, verbunden mit den Kernenergie.
00:14:40: Wie breit in der Gesellschaft dann stattfindet?
00:14:44: Darüber hinaus ist auf jeden Fall auch Czernobyl so im Moment, in dem.
00:14:49: danach sehen wir eine wahnsinnige Organisation von unten – von sehr unterschiedlichen Bürgerinnengruppen die einerseits protestieren gegen Atommengrafte, aber sich auch organisieren zum Beispiel für Aufklärung um Wissen zu vermitteln zur Formen der Selbsthilfe.
00:15:08: Und das ist sehr enkel mit der grünen Geschichte und den Kern tatsächlich der Gründestromung verbunden.
00:15:16: Clara Fristatska hat sich intensiv mit der Grünengeschichte und der Bedeutung von Chernobyl dafür beschäftigt Und sie hat sich dafür als Historikerin auch tief eingegraben ins Archiv der Heinrich-Börstiftung dem Archiv Grünes Gedächtnis.
00:15:33: sehr, sehr schönen Kollektionen an Fotos entdeckte.
00:15:37: Die tatsächlich einerseits die riesige Brandbreite von Mobilisierungen gezeigt haben.
00:15:43: Nach Tschernobyl haben wir einerseits klassischen Demonstrationen, die teilweise auch mit großen Konfrontationen mit der Polizei zu Ende kamen um geplanten Kernkraftwerken.
00:15:55: Wir haben aber auch eine wahnsinnige Mobilisierung von sehr unterschiedlichen Gruppen, gesellschaftlichen Gruppen.
00:16:01: In erster Linien die Mütter und Müttern und Väter, die nicht nur Initiativen gegründet haben, die sie so hießen, sondern auch tatsächlich so massenhaft zu Demonstrationen gegangen sind mit ihren Kindern.
00:16:13: Ich habe.
00:16:13: Mobilisierungen von Kinderleden.
00:16:15: Es gibt fantastischen Fotos von Kinderleden in Berlin und Köln und großen Transparenten davor, die irgendwie gegen deren Automaustick sich aussprechen.
00:16:25: Ein Foto, so eine Demonstration ist auch in unserem Online-Dossier zu sehen.
00:16:29: Eltern die ihre Kinder an den Händen halten und auf den Kinderwegen dann Transparente mit Parolen angebracht haben.
00:16:36: Das Dossier nach Chernobyl findet ihr auf der Webseite Böll.de Und du hast noch mehr Bildmaterial mitgebracht, sehe ich.
00:16:43: Ja, guck mal.
00:16:44: hier zum Beispiel habe ich dir so eine Marktzene mitgebracht aus dieser Zeit und da ist total interessant.
00:16:50: Da gibt es unterschiedliches Gemüse, Fäntchen, Salat und beim Salat gibt's ein extra Zettel der... dran ist oder dahin gelegt wurde, wo angepriesen wird.
00:16:59: Das ist Treibhausware und das ist ein Qualitätsmerkmal weil da kann ja kein sauer Regen drauf kommen und das wurde sozusagen extra angeprysen weil es ganz viel Material in der Zeit gibt.
00:17:11: und habe ich auch noch was mitgebracht so eine Anleitung für Weihnachten essen sollte und was nicht.
00:17:19: Je nachdem, was die Strahlenmesswerte angeht...
00:17:23: Kannst du schon Werbeanzeige?
00:17:26: Das konnte man für vier Mark kaufen oder bestellen.
00:17:29: Und das waren dann so Hinweise darauf bei welchen Lebensmitteln man ein bisschen genauer gucken sollte, was auf dem Weihnachtsteller lernen sollt und was irgendwie nicht
00:17:39: Sehr charmant auch die Radioaktivitätssymbole, die in den Weihnachtsbaum gehängt wurden.
00:17:45: Ja und Clara Fristatska hat mir erzählt dass sie vor einem Einfund bei ihrer Archivrecherche sehr beeindruckend fand und immer noch findet und zwar eine Anleitung wie man ein einfaches Messgerät für Strahlung selbst zusammen basteln kann.
00:18:02: Genau das ist, was ich meine dieser so sehr verbreitete Auseinandersetzung von sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen mit dem Thema Atomkraft und vor allem der extremen Gefahren die damit verbunden sind.
00:18:16: Und diese Selbstorganisationen, diesen Moment wirklich der Selbstermächtigung in einem Moment den Staat nicht nur im Osten sondern auch in Westeuropa teilweise diesen Aufklärungsaufgabe gar nicht genug nachgekommen ist und teilweise versagt hat in dieser Aufklärung, wie viel eigentlich die Bürgerinnen diesen Aufklarungsaufgarbe selber auf sich genommen haben.
00:18:42: Und sich selber da informiert haben.
00:18:44: und selbstverständlich aber dieses Informationen waren eng damit verbunden auch mit bestimmten Forderungen Wie kann eigentlich eine Energiewende geschaffen werden weg von Atomkraft hin zu anderen Energiequellen?
00:18:58: Und aus all den Recherchen ist ja auch die Idee zum Portal Grüne Geschichte entstanden.
00:19:03: Hier wird die lange Tradition von Umweltbewegungen und politischem Engagement für Nachhaltigkeit in Deutschland sichtbar gemacht, und auch Quellen aus der Alltagskultur werden zugänglich gemacht um eben auch Austausch und Diskussion zu ermöglichen.
00:19:16: Schaut da unbedingt mal rein!
00:19:18: Auch diesen Link findet ihr natürlich in unseren Show Notes.
00:19:21: Ja genau und diese Podcast-Folge hier, darf als Auftakt für dieses neue Portal Grüne Geschichte verstanden werden.
00:19:30: Hören wir dazu noch mal die Initiatoren Clara Fristatska?
00:19:34: Mit diesem Portal Grune Geschichte verfolgen wir eigentlich das Ziel... Die grüne Geschichte gemeint jetzt nicht nur als eine Parteigeschichte sondern als Geschichte von den Grünen und seine Denkströmung in der breiteren Geschichtserzählung von der Demokratisierung Deutschlands und Europas nach fünfundvierzig.
00:19:55: So, wir möchten verstehen diesen Geschichte der Grünen als Bewegung, als Partei, als Initiativen aber auch als Geschichte der Entstehung und der Etablierung einer Umweltbewusstsein in der Gesellschaft einfließen zu lassen in den großen Narrativen von einer Europa, die sich nach fünfundvierzig eine neue Ordnung erschaffte.
00:20:20: Demokratischer wird und dann auch irgendwann den Kalten Krieg irgendwie
00:20:25: überwindet.".
00:20:26: All das in dem digitalen Portal Grüne Geschichte – und wer es lieber analog mag?
00:20:31: In der Ausstellung zum vierzigsten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Chernobyl werden viele der Dokumente Flyer und Transparenze vor neunzehnhundertsechsund achtzig gezeigt in der Heinrich-Böll-Stiftung
00:20:41: In Berlin.
00:20:42: also kommt vorbei, wer von euch in der Stadt ist.
00:20:45: In dieser Ausstellung wird es auch eine Auswahl von Interviews geben die ich mit ZeitzeugInnen geführt habe.
00:20:53: Über ihre Erinnerungen mit Rebecca Harms und Eva Quistop etwa, die wir hier in dieser Folge schon gehört haben wird es ein Gespräch geben.
00:21:03: Aber auch mit Tina Krone.
00:21:05: Tina KrONE ist in der DDR-Bürgerrechtsbewegung aktiv gewesen damals in den neunzehnhundertachziger Jahren in Ostberlin
00:21:13: Und bevor wir jetzt mit Tina Krone in ihrer Erinnerung reisen, lasst uns doch zuvor noch mal kurz die Frage klären wie und wann die Informationen des Reaktorenglücks denn an der DDR angekommen sind.
00:21:24: In den Nachrichten im Fernsehen und auch in den staatlichen Printmedien taucht die Nachricht von der Reaktor-Explosion am neunundzwanzigsten April erstmals auf allerdings stark verharmlosend.
00:21:37: Offizielle Stellen betonen, es bestehe keine Gefahr.
00:21:41: Konkrete Informationen und gesundheitliche Risiken etwa werden weitgehend verschwiegen.
00:21:47: Dadurch entsteht ein Widerspruch zu westlichen Berichten die viele DDR-Bürgerinnen ja auch im Fernsehen verfolgen können sowie auch Tina Krone die damals im Prenzlau berg in Ostberlin lebt.
00:22:00: In der DDR gab es keine Meinungsfreiheit.
00:22:04: alles was In den Zeitungen, in den Büchern und Fernsehsendungen im Radio erschien war zensiert.
00:22:16: Man versuchte die Bevölkerung dumm zu halten über bestimmte Dinge nicht zu informieren.
00:22:23: Im Unterricht in der Schule wurde die Geschichte so behandelt, wie die Herren aus der Staatspartei SED gerne gewollt hätten.
00:22:33: Dass die Geschichte gelaufen wäre nämlich mit dem Höhepunkt der Gründung der SED und dem Paradies für die Werktätigen was errichtet werden sollte.
00:22:45: Deswegen war es so schwierig sich ein Bild machen zu können.
00:22:51: Aber wir hatten das Glück, es war ein geteiltes Land und wir sprachen dieselbe Sprache.
00:22:58: Und wir konnten die Sender im Fernsehen und im Radio verstehen.
00:23:04: Wir konnten uns also
00:23:06: informieren.".
00:23:07: Vom Unglück in Chernobyl hat Tina Krone in der Abendschau den Abendnachrichten aus West-Berlin erfahren.
00:23:15: von dem Moment an, als ich davon erfuhr.
00:23:18: Habe ich versucht im Westradio und im Westfernsehen alle Informationen aufzusaugen die zu bekommen waren habe mich sofort mit natürlich mit Freundinnen und Freunden ausgetauscht und alles klar war dass man also seinen Kindern erst mal so circa sechs Wochen kein Milch geben sollte.
00:23:40: bin ich in den Kindergarten meines Sohners habe das dort vorgetragen und die Kolleginnen dort gebeten, also darauf zu verzichten.
00:23:50: Da musste ich dann zur Leiterin der Einrichtung und die hat mir gesagt dass sie das auf keinen Fall tun können.
00:23:58: Und dann hab' ich gesagt Ich verbiete es meinem Kind wenigstens meinem Kind Milch zu geben und musste dann also eine Planetä mitgeben.
00:24:08: Die konnten Sie ihm da nicht kochen.
00:24:12: Zwei, drei Tage darauf musste ich schon wieder zu dieser Leiterin.
00:24:16: Da wurde mir vorgeworfen dass sich andere Eltern aufwärts hätte.
00:24:19: Ja da bekommt die ganze Hilflosigkeit vor die Reaktorkatastrophe den Menschen gestellt hat noch mal eine ganz neue Dimension in dem man vielleicht gar nicht selbst entscheiden kann was für ein Verhalten man jetzt für richtig hält.
00:24:30: oder man kann vielleicht entscheiden was man für richtig hielt aber man kann nicht so handeln und es gab ja nicht nur keine Vorsorgemaßnahmen im Gegenteil gefahren durch mögliche Strahlung wurden offenbar erst gar nicht thematisiert.
00:24:41: Ja, das hat mir Tina Krone jedenfalls so erzählt.
00:24:43: und der Widerspruch zu den Informationen.
00:24:46: die sie auch von ihren Freunden aus dem Westen bekamen, ihre Alltagsbeobachtung verstärkten ihr Misstrauen gegenüber der Staatsführung noch mehr als ohnehin schon.
00:24:57: Tina Krone hat mir auch erzählt dass Chernobyl so etwas wie ein letzter Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt war.
00:25:04: Sie und andere konnten ja nicht einfach protestieren, Transparenze durch die Straße tragen und offen ihren Unmut, ihren Ärger, ihre Angst zeigen oder Erforderungen stellen – sie mussten sich also was anderes ausdenken.
00:25:17: Also ich war natürlich schwer empört und war aber in der Zeit schon seit einigen Jahren in verschiedenen oppositionellen Gruppen engagiert, so Frauen für den Frieden zum Beispiel, aber auch in einer vollständig illegal agierenden Gruppe.
00:25:34: Für uns wurde schnell klar das Maß der Entmündigung angesichts dieser Nichtberichterstattung so offen zutage trat wie selten und davon war die gesamte Bevölkerung der DDR betroffen.
00:25:50: Es gab ja auch keinerlei civilschutzrechtliche Maßnahmen oder vorsorgliche Warnungen, also nichts gab es.
00:25:59: Und da haben wir dann überlegt weil unser Wirkungskreis war sehr klein, es gab nur ein paar.
00:26:05: Im Selbstverlag Samistat ist das Wort dafür herausgegeben eine kleine unregelmäßig erscheinende Zeitungen, die nur einen sehr kleinen Teil der Leute erreichte weil es nur eine kleine Auflage gab.
00:26:19: und da hatten wir überlegt.
00:26:21: dass man einen Radiosender installieren müsste, damit man wenigstens irgendwie die ganze Stadt informieren könnte.
00:26:29: Also vor allem meint sie dann wahrscheinlich die damalige Hauptstadt der DDR östlich?
00:26:32: Der Mauer, die die Stadt ja seit nineteeninzehntsechzig teilte.
00:26:35: und wie haben Sie das gemacht?
00:26:37: Naja erst mal wenn wir uns gedanklich in den Alltag dieser Zeit begeben.
00:26:41: Informationen gab es kaum auch hatte nicht jeder einen Telefonanschluss.
00:26:46: Also so eine Idee erstmal zu kommunizieren, zu organisieren und zu planen – alles im Verborgenen mit Hilfe von Freundinnen und Freunden aus dem Westteil der Stadt.
00:26:56: Das ging nicht von heute auf morgen!
00:26:59: Ein Manuskript für die Ansage im Piratensender wurde verfasst, überarbeitet, mit Regieanweisungen versehen, diskutiert hin und her.
00:27:09: Und ein Ort, wo der Sender platziert werden sollte, wovon man also senden wollte, der musste auch gesucht und gefunden werden – das haben dann Weggefährten aus dem Westen getan!
00:27:20: Sie haben einen Ort ausgesucht auf einem Dachboden in Kreuzberg nahe der Mauer.
00:27:25: Dann mussten ja potenzielle Hörerinnen und Höreren noch informiert werden darüber, dass es eine solche Sendung geben würde.
00:27:34: Eine Frequenz musste bekannt gegeben in Tinerkronis Wohnung wurden dafür Flugblätter hergestellt, mit einem Kinderstempelkasten an vielen Abenden.
00:27:46: Und dann musste das Ganze auch noch verteilt werden – fünfhundert Stück und alles im Geheimen damit die Staatssicherheit ja nichts mitbekommt Wirklich stattfinden kann.
00:27:57: Man, das klingt wirklich wie ein Krimi!
00:27:58: Wie so eine Selbstermächtigungskrimi aber auch nicht ungefährlich
00:28:02: Ja und ich finde die Bilder entstehen da sofort im Kopf aus dieser Zeit also bei mir jedenfalls sofort.
00:28:08: Und sechs Monate nach der Explosion in Chernobyl Ist es dann soweit?
00:28:12: Der Piratensender funktioniert.
00:28:15: Informationen über das Ausmaß der Reaktorexplosion, die Strahlenbelastung in der Umwelt und Hinweise über gesundheitliche Risiken, Vorsichtsmaßnahmen und der Aufruf sich von der Atomkraft abzuwenden erreichen über den Piratentsender, die Hörerinnen und Höreren aus Berlin.
00:28:35: Am einunddreißigsten Oktober nineteen hundert sechsohn achtzig Abends Paar Tage vorher gab es schon einen Test.
00:28:45: Da wurde Please Mr Postman von den Beatles gespielt und wir haben überprüft, ob's zu hören ist auf einer bestimmten Frequenz.
00:28:55: Ja das lief dann.
00:28:58: natürlich hat man versucht uns zu finden ist uns aber nicht auf die Spur gekommen.
00:29:03: ja Wir haben versucht mit Informationen und Satire Die Hörer am Apparat zu halten und es war wirklich so, dass also an dem Abend der Sendung die Straßen mindestens im Mitte- und Prenzlauer Berg und Friedrichshain doch sehr leer waren.
00:29:23: Ich habe Tina Krone gefragt wo sie die Sendung gehört hat?
00:29:27: Daran kann ich mich wiederum sehr gut erinnern.
00:29:30: Wir waren ja zu fünft Und vier von uns waren zusammen in einer Wohnung Hörten die Sendungen und waren begeistert, wie unsere Vorstellungen umgesetzt worden waren.
00:29:45: Da wir aber nun nicht wussten ob vielleicht eine Abhörwanze installiert war – das wussten wir ja nie – haben wir uns nicht getraut, uns laut zu freuen sondern sind wortlos durchs Zimmer getanzt.
00:29:57: also eine ziemlich witzig bis gespenstische Szene Und einer von uns fuhr mit seinem Auto in der Zeit durch Ostberlin, um zu prüfen wie weit hörbar die Sendung überhaupt ist und konnte also feststellen dass das schon sehr weit im gesamten Ost-Berlin zu hören war wahrscheinlich sogar noch bis über die Stadtgrenze hinaus.
00:30:24: Eine Wahnsinnsgeschichte!
00:30:26: Ja, total.
00:30:28: Ich war auch wirklich sehr beeindruckt von dem was Tina Krone mir da erzählt hat und ich war gar nicht auf diese Intensität zu vorbereitet.
00:30:35: Und ich war vor allem von ihrem Mut beeindruckend.
00:30:37: Sie war dem Regime schon zuvor durch oppositionelle Aktionen aufgefallen Stand also wie vermutlich alle ihre Mitstreiter unter Beobachtung und ist ja ein echtes Risiko eingegangen.
00:30:49: sie hatte ja Verantwortung Nicht nur für sich selbst sondern auch Für ihr Kind.
00:30:53: Also das war mir wichtig.
00:30:54: Das war ja nicht die einzige Aktion.
00:30:58: Wir wollten einfach für unsere Kinder eine bessere Zukunft.
00:31:02: Damals wollten wir noch einen Sozialismus mit demokratischem Antlitz, wir wollten einfach dass unsere Kinder freier leben und aufwachsen können als wir selber.
00:31:11: Und natürlich war man immer mal wieder im Zwiespalt wie weit darf man gehen?
00:31:16: Wo beteiligt man sich wo nicht?
00:31:19: das wurde dann also auch unterschiedlich gehandhabt und es wurden natürlich Vorkehrungen für die Kinder getroffen.
00:31:28: Kinder sind natürlich ein sehr guter Anreiz, sich für eine bessere Zukunft einzusetzen.
00:31:32: Es sind ja dann noch drei intensive Jahre vergangen bis die Mauer fallen sollte.
00:31:36: Wie ist es bis dahin im Westen weitergegangen?
00:31:39: Naja das Thema Atomkraft wurde von breiten Teilen der Bevölkerung als unmittelbare Bedrohung empfunden.
00:31:47: Die Zeit in der das Thema als abstrakt Debatte verstanden wurde, die war vorbei.
00:31:52: Rebecca Harms, die Anti-Atomkraftaktivistin aus dem Wendland, die später als Europaabgeordnete der Grünen in Brüssel arbeitete, wird von der Schriftstellerverband der Sowjetunion auf eine Reise ins Sperrgebiet nach Chernobyl eingeladen.
00:32:11: Das war tatsächlich so ein Ereignis in meinem Leben, das mich einerseits weiter dazu gebracht hat mit diesem Thema Atomenergie auseinanderzusetzen.
00:32:22: Aber dass andererseits auch dazu geführt hat, dass ich angefangen habe, mich sehr stark mit der Situation in Osteuropa zu
00:32:31: beschäftigen.".
00:32:32: Und wie das war diese Reise da ins Sperrgebiet?
00:32:35: Daran können Sie sich gut erinnern!
00:32:38: Das war im Vergleich zu der gesamten Umgebung, großräumigen Umgebungen dem Land zwischen Kiev und Chernobyl.
00:32:46: War das ein dicht bevölkertes Gebiet?
00:32:50: Da waren als wir unseren Besuch gemacht haben Tausende von Soldaten und Hilfskräften eingesetzt die alle immer noch an der Bekämpfung der mittelbaren und unmittelbaren Folgen verschiedenen Aufgaben gearbeitet haben.
00:33:13: Ganz augenfällig war beim Betreten, also beim Übertritt in diese Zone.
00:33:19: War das wie ein militärischer Einsatz organisiert?
00:33:23: Das waren alles Menschen die in Uniform gearbeitet haben Arbeits- und Militäruniform aber gleichzeitig hatte auch fast niemand ordentliche Schutzkleidung.
00:33:36: Die Lager, in denen die Menschen dort lebten waren sehr provisorisch.
00:33:42: In den Staub dieses Sperrgebiets war ein sehr staubiger Tag, an dem ich da war das erste Mal.
00:33:48: Sehr einfach und ohne befestigte Wege in diesen Staub gebaut worden waren.
00:33:54: Und alles was uns dann auch Leute mit denen wir sprechen konnten berichtet und zeigte dass der Schutz der menschen überhaupt keine Rolle spielte Die Ziele des Einsatzes viel wichtiger waren als die Menschen, die man dafür brauchte, die Folgen der Supergaus dazu minimieren.
00:34:15: Unglaublich aus heutiger Sicht!
00:34:17: Der Schutz der Menschen, sie dort die Bäume gerodet haben und die Erde umgegraben.
00:34:22: Die Tiere erschießen sollten auf einmal überhaupt gar keine Rolle gespielt hat.
00:34:25: Das erinnert mich total an die ausgezeichnete HBO-Serie Chernobyl, die den Supergaun die folgen sehr detailliert beschrieben hat.
00:34:34: Mendi Rebekahams war ja im Sperrgebiet mit ukrainischen Schriftstellern unterwegs.
00:34:39: Hat sie dir was dazu erzählt, wie die politische Auswirkungen der Katastrophe für die Führung der Sowjetunion damals unter Michael Gorbatschow eingeschätzt haben?
00:34:48: Ja, spiele ich mal ein!
00:34:51: Tatsächlich ist es so gewesen dass die beiden Schriftsteller, die meine Gruppe damals begleitet haben, die haben uns ziemlich sicher waren die sich vorausgesagt, dass die Erfahrung Chernobyl der Menschen verachtende Umgang mit den Leuten, die Liquidatoren genannt wurden.
00:35:16: Dass mit Chernobyl auch Gorbachev und Glasnost und Perestroika eine neue Sowjetunion als Ideen gescheitert sein.
00:35:28: Und heute, vierzig Jahre später ... Welche Bedeutung hat die Explosion des Reaktors im Kernkraftwerk Chernobyl denn heute jetzt in der Gegenwart?
00:35:38: Die Katastrophe ist in vielerlei Hinsicht immer noch relevant.
00:35:41: Zunächst die Auswirkungen sind bis heute messbar, in Teilen der Ukraine, Belarus und Russland sind Gebiete weiterhin kontaminiert.
00:35:51: Die Sperrzone um das Kraftwerk bleibt unbewohnbar.
00:35:55: Chernobyl ist auch in Deutschland Teil des kollektiven Gedächtnis- und Bedrohung, die damals erfahren wurde hat hierzulande den Atomausstieg mehrheitsfähig in der Gesellschaft gemacht.
00:36:06: Mein Eindruck ist aber, dass viele junge Menschen die Auswirkungen von Chernobyl persönlich nicht erlebt haben.
00:36:13: Da auch mitunter ganz anders argumentieren als etwa die Zeitsäugenden, die wir in diesem Podcast gehört haben.
00:36:21: Das Thema Atomkraft hat einerseits an Bedeutung verloren seitdem die letzten Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet wurden und es nicht mehr im Mittelpunkt der Umweltbewegung – die Erfahrung Unmittelbaren Bedrohungen durch Radioaktivität, die Angst davor fühlt sich für viele Menschen erstaunlicherweise weit weg an.
00:36:43: Andererseits wird die Atomkraft derzeit unter energiepolitischen Vorzeichen neu diskutiert, vor allem nach den energetischen Engpässen in Folge der russischen Vollinversion der Ukraine.
00:36:56: Aber gerade der Russische Angriffskrieg hat zu einer unerwarteten und erschreckenden neuen Aktualität von Chernobyl geführt – Rebecca Harms hat diesen Aspekt sehr stark gemacht!
00:37:08: Schon am ersten Tag des Angriffs, des großen Angriffes auf die Ukraine durch Russland im Februar.
00:37:16: Zwei Tausendzweinzwanzig wurde ja Chernobyl angegriffen das Sperrgebiet und auch die Infrastruktur die Reaktoren des Atomkraftwerks, das ja in Rückbau befindlich ist.
00:37:30: Alles wurde genutzt um den russischen Aufmarsch Richtung Kiev abzusichern weil man davon ausgingen wenn sich da ein Raum schafft durch russische Besatzung des Gebietes dann würden die Ukrainer das nicht angreifen können Und diese Besatzung hat einige Wochen gedauert.
00:37:53: Es ist sehr viel zerstört worden, also was mich damals wirklich total überrascht hat und auch nochmal augenöffnend war für die Rücksichtslosigkeit der Kriegsführung durch Russland das war dass man den soldaten den russischen Soldaten Fast vierzig Jahre nach der Katastrophe von Ternobyl und nach Jahrzehnten, in denen zuerst sowjetische Soldaten dann später Ukraine und auch viele internationale Hilfskräfte alles getan hatten um das einigermaßen unter Kontrolle zu kriegen.
00:38:32: Das ist ja immer noch ein Prozess des Cleanups, der da bis heute stattfindet dass dann wieder Soldaten aus Moskau hingeschickt werden die drohen kaputt zu machen und den gleichzeitig aber auch noch zugemutet wird, sich in dem radioaktiven Boden der Zone ins Schützengräben einzugraben.
00:38:53: Ja und kurz nach der Besatzung von Chernobyl wurde das größte Atomkraftwerk Europas in der Ukraine in Sapurischia von Russland angegriffen.
00:39:05: Bis heute gibt es immer wieder kritische Situationen in den drei laufenden, nicht besetzten Atomkraftwerken der Ukraine.
00:39:13: Und das hat mit der Zerstörung der Infrastruktur im Energiesektor zu tun.
00:39:19: Die Stromversorgung der AKWs muss deshalb zeitweilig runtergefahren werden und das kann besorgniserregende Zustände auslösen, sagt Rebecca Harms.
00:39:31: Ich glaube, dass dieses Risiko so gut wie gar nicht gesehen wird.
00:39:34: Und das ist für ein Land wie Deutschland in dem sich die wichtigste Entscheidung für die Orientierung... ...für die energiepolitische Orientierung ohne Atomkraft eigentlich aus Chernobyl und der Erfahrung ergeben hat schon eine bemerkenswert widersprüchliche Situation.
00:39:57: Es ist bemerkswert wie selektiv riesigen wahrgenommen werden und dass ausgerechnet drohende Atomunfälle in der Ukraine tausendtausend fünfhundert Kilometer von uns entfernt, vierzig Jahre nach Chernobyl in Deutschland kaum wahrgenommen wird.
00:40:22: Das war der Böl Podcast zum Thema Nach-Chernobyl Dokumente und Perspektiven einer grünen Geschichte.
00:40:29: Wenn ihr euch stärker an das Thema vertiefen möchtet, empfehle ich das ausführliche Dosier auf unserem Portal Böl.de.
00:40:35: Wir haben es in den Show Notes verlinkt.
00:40:37: Oder kommt am besten gleich in der Heinrich-Böll Stiftung in Berlin vorbei.
00:40:41: Bis zum Zweiundzwanzigsten Mai sind dort in einer Ausstellung nicht nur die erwähnten Zeitdokumente zu sehen.
00:40:46: Es sind auch interessante Zeitzeugberichte zu hören Außerdem eine Plakatserie des Harkiva Designer Kollektivs Fourth Block Die sich sowohl mit Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe als auch mit dem aktuell wiedererstarkten Nuklearanrisiko angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auseinandersetzt.
00:41:06: Dieser Podcast ist eine Produktion des Audio-Kollektivs, bei mir im Studio war Mandy Schielke.
00:41:11: – danke Mandy!
00:41:13: Ja vielen Dank dir!
00:41:14: Mein Name ist Jola Eichmann.
00:41:15: bis zum nächsten
00:41:23: Mal!
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